Naturnaher Wald: Harmonie zwischen Wild und Landschaft
Die großen Pflanzenfresser schufen Nischen
von Wolfgang Alexander Bajohr
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Mit
urwüchsiger Gestaltungskraft schaffen sich Wildtiere ihren Lebensraum selbst |
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und in angrenzenden Lebensräumen stehen noch urige Bäume, die Waldweidezeiten überlebten, oft zwei- und dreimal so alt wie die ganze Forstwirtschaft. 24 hochkarätige Wissenschaftler beraten 2 volle Tage in Germering über die Zukunft und die Ziele einer artenschutzorientierten Landschaftspflege, aber auch über die Wiederkehr heimatlos gewordener Wildtiere, die als "Schädlinge" den Menschen im Wege waren oder es im Wald noch sind.
Schon
Urmenschen rotteten Wildtiere aus Längst ehe Rätien zur römischen Provinz wurde, sind Kelten in das Land gekommen, und wir können an den Bodendenkmälern ablesen, dass sie nicht im Dickicht der Tal- und Flußauen siedelten, auch nicht in den Sümpfen und Niedermooren, sondern auf Schotterebenen und Höhen im tertiären Hügelland, wahrscheinlich in einer Art von Parklandschaft. Für die Anreisenden wäre es mühsam geworden, sich erst durch das Dickicht zu schlagen, Ackerflächen zu roden und dann noch zu siedeln. Viel einfacher war es den großen Pflanzenfressern Wisent und Auerochse, Elch und Rothirsch, die Wiesen abzunehmen, die sie in den Wald gebissen hatten. Waldtiere schufen schon damals Weideflächen im Wald, genauso wie heute. So setzten Menschen, die ihr Vieh in den Wald trieben mit ihrer Waldweide das fort, was Wildtiere vor ihnen im Wald begonnen haben. überspringen wir jene 300 Jahre in denen Rätien römische Provinz war. Sicher ist nur, dass man in dieser Zeit nicht mehr von der Jagd auf Wildtiere lebte. In Müllgruben lässt sich ablesen, dass der Knochenanteil von Wildtieren gerade 3,3% beträgt. Man lebte von Haustieren und von Ackerbau. Um 500 n. Chr. wurden die Römer in die Heimat zurückgerufen. Sie gingen in Frieden heim. Man sagt, dass zu jener Zeit ganz Deutschland dünn besiedelt war. Experten sind uneinig, ob es nur 1 Mio. oder 2-3 Mio. Menschen waren. Naheliegen ist nur: man lebte noch mit der Natur im Einklang. Den
Wald zur Wüste gemacht
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dem was noch geschah, bis vom ursprünglichen Naturwald nicht viel übrig blieb. Holzhunger der Saline in Reichenhall und Ofenheizung plünderten weithin die Wälder. Über Jahrhunderte war Holz wesentlicher, ja wichtiger Rohstoff und Energiespender. Germanen führten die zahllosen kleinen Eisenhütten der Kelten weiter. Noch um 1800 war Deutschland mit 30.000 To. der größte Eisenerzeuger Europas. Das verschlang 1/4 der Holzproduktion, denn je To Eisen brauchte man 12 Tonnen Holzkohle. Erst als Kohlekoks erfunden wurde, erlosch 1829 der letzte Holzkohle-Hochofen in Europa. Deutschland war vom Mittelalter bis ins 18.Jh. weltgrößter Produzent von Leinenballen. Leinen aber bleichte man mit Pottasche. Pro Zentner Pottasche aber mussten über 50 Festmeter Holz verbrannt werden. Erst 1785 wurde die Bleiche mit Chlorkalk erfunden. Doch auch die Glasindustrie brauchte Pottasche. Erinnert sei auch an das Bauholz für Häuser. Unsere Eichenwälder verschwanden mit dem Schiffsbau. Noch Napoleon ließ in ganz Europa Eichenwälder beschlagnahmen, weil er Schiffsbauholz für die Kriegsflotte brauchte. Für jedes mittelgroße Kriegsschiff wurden 4000 erstklassige große Eichen benötigt. Mit jeder der großen Seeschlachten der Geschichte sind ganze Eichenwälder auf den Grund des Meeres geschossen worden. Schiffe mit 100 Kanonen brauchten wegen des Rückstoßes 50 m lange Widerlager aus einem Eichen-Stück!
Forstwirtschaft war ein Kind der Holznot All die alten Bäume im Kreuzlinger Forst, Forstenrieder Park, im Schöngeisinger Wald usw. welche die Waldweidezeit überlebt haben, sind heute bürstendick mit Fichte eingewachsen. Der Forstpolitiker Prof. Plochmann und Forstdirektor Dr. Georg Sperber haben lange sehr heftig provozieren müssen, bis in Forstverwaltungen die Einsicht von einer naturnäheren Waldwirtschaft mit Laubholzanteil dämmerte. Ein
Wald ist ganz sicher mehr als nur die Summe seiner Bäume In der Diskussion um einen naturnahen Wald spielt immer die Naturnähe eine große Rolle. Augenauswischerei? Wahrscheinlich, denn Naturschutz im Wald ist bisher ein Zufallsergebnis, es wird nur im Beipack mit der Holzproduktion geboten. Seit man sich entschlossen hat, wenigstens wieder 30-50% Laubbäume zu pflanzen, bietet sich langsam das Bild einer etwas naturnäheren Vegetation. Doch versteht jeder etwas anderes darunter. Ein Traum und das Bild eines Märchenwaldes, ein Hänsel- und Gretel-Syndrom. Diese Wildnisphilosophie leitet ihre Begriffe wohl vom Urwald ab, aber wer als Waldbesitzer von seinem Wald leben muss, baut immer noch einen Fichten-Wirtschaftswald an. Zweifelhaft ist, ob das Ideal des dauerhaften sich selbst erhaltenden Naturwaldes erfüllbar ist. Denn er soll gesund sein, schön, produktiv, kostengünstig und resistent gegen Sturm, Schneebruch und Schädlinge. Zu denen rechnet man aber neuerdings unter den Wildtieren auch noch das Schalenwild, die großen Pflanzenfresser. |
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beim Waldumbau und überhöhten Dichten vorübergehend ein Störfaktor ist. Es hat sich gezeigt, dass die stark territorialen Rehe sich auch bei erhöhtem Jagddruck nicht ausrotten lassen, sondern in der Regel nur vorsichtiger werden.Auf der Woge dieser Auseinandersetzung sind auch andere mitgeschwommen, die im Pflanzen fressenden Wildtier grundsätzlich einen Störfaktor für den Holzackerbau sehen. Ein "wirtschaftlich tragbar" kalkulierter Wildtierbestand verbeißt spürbar und immer die schmackhaften Baumarten. Auch manche Biologen erliegen dem Trugschluss, dass im "Nat-Urwald" Harmonie zwischen Pflanzen und Pflanzenfressern geherrscht habe, über die das "Management der Raubtiere" Kontrolle ausübt. Gefordert wurde, dass Jäger als "Ersatzwolf" durch Jagd den Wildtierbestand lenken und dieses Gleichgewicht wieder herstellen, um die Belastung der Wald-Vegetation zu senken. Vom jagdlichen Management wurde verlangt die Wilddichten dauernd so niedrig zu halten, dass Schäden vermieden werden, oder dass alternative Zäune diese Verbissschäden verhindern. Erstaunlich ist, dass auch manche Funktionäre der Naturschützer in die wirtschaftlich motivierte Forderung der Forstleute einstimmten. Seit biblischen Zeiten sind Pflanzenfresser Friedtiere. Hier stellt man das Prinzip auf dem Kopf, macht Bambi zum Schädling und erwartet vom ausgerotteten Raubwild ein Regulativ, das man notgedrungen selber übernimmt. Ja einen massiven Reduktionsabschuss entschuldigt man selbst im Nationalpark. Es ist an der Zeit diese Vorstellung von einer "natürlichen Harmonie" zwischen viel Wald und wenig Wildtieren zu revidieren. Raubtiere profitieren wohl von ihrer Beute, aber ich habe Zweifel, ob sie jemals ihre Beutetiere so wirksam einreguliert haben, wie der Winter mit seinem Nahrungsengpass und den Bären als Regulator können wir gleich streichen.
Wildschäden kommen in natürlichen Wald-Systemen nicht vor Es ist kaum vorstellbar, dass alle diese großen Pflanzenfresser gleichzeitig in naturnahen Wäldern gelebt haben, ohne dass sie die Vegetation massiv beeinflusst hätten. Es sei denn, dass sie in sehr niedriger Dichte vorkamen, und daher keinen Einfluss hatten. Besonders die großen Huftiere haben den Wald nicht nur durch Verbiss, sondern außerdem durch Hornstöße, Huftritte, Geweihschläge und Äsen der Rinde beschädigt. Die Geschichte des Waldes zeigt, dass die im Wald lebende Artenvielfalt Pflanzen fressender Großtiere nicht ohne Einfluss auf den Wald geblieben sein kann. Dabei ist ihr Einfluss auf das Waldbild so erheblich, dass die Harmonie von einem Wald, in dem Wald und Wild in Einklang leben, für alle Zeit anzuzweifeln ist. Am Ende jeder Wald-Entwicklung steht Hallenbestand, an dessen Boden es meist so finster ist, dass weder eine Krautschicht noch eigener Nachwuchs der Waldbäume aufkommen. Schließlich erfolgt natürlicher Alterstod der Bäume oder natürlicher Zusammenbruch nach einem Überfall der Borkenkäfer. Erfahrungen aus Nordskandinavien gehen davon aus, dass Naturwald alle 80-100 Jahre abbrennt. Das überstehen Kiefer und Eiche und einige weitere Baumarten sehr gut, aber die Fichte brennt heraus. Waldlücken entstehen auch durch Schneebruch und Windwurf. In der Folge bieten diese Waldlücken Chancen für Beeren tragende Sträucher und eine Krautschicht. Mit dem Verbiss entstehen nun kleine Waldwiesen mit Trockenrasenflora, womit das Nahrungsangebot für die Pflanzenfresser weiter steigt. Sie erhöhen durch ihren massiven Verbiss junger Waldbäume die Chancen derartiger Waldlücken und verbessern damit das eigene Nahrungsangebot. Als Nutznießer des selbst geschaffenen Lebensraumes reagieren sie auf mehr Nahrung mit wachsender Kinderzahl. Ohne diese großen Pflanzenfresser wächst diese Lücke in unserer Klimazone aber in 10-15 Jahren durch die Naturverjüngung der Waldbäume wieder zu, womit sie endgültig verschwindet. Greift jetzt der Mensch ein, dann maßt er sich Entscheidungen an, welche die Schöpfung den Huftieren im Wald zugewiesen hat. Die Chance für viele kleine Wildtiere und Vögel liegt gerade in diesem Verhalten der großen Pflanzenfresser, die solche natürlich entstandenen Femel-Löcher der Wald-Vegetation erhalten. Reh, Rothirsch und Elch müssen schon gemeinsam und sehr massiv verbeißen, damit eine Waldlücke lange genug erhalten bleibt, was durchaus 50 Jahre lang möglich sein kann, weil keine Naturverjüngung hochgekommen ist.
Waldlückenbewohner folgen den großen Pflanzenfressern Der Auerhahn kann ohne ein Waldlückensystem nicht überleben, weil Ameisen und all die anderen Insekten, die Futter seiner Küken sind, in wärmender Sonne siedeln aber niemals im finsteren Tann. Für den Habichtskauz ist das Mäuseangebot der Waldlücke mit 130 Mäusen pro ha wichtiger als der noch so schön gemischte Natur- und Dauerwald. Auch die Wildkatze wird falsch eingeschätzt, denn für sie zählt nicht das Dickicht, sondern nur die Maus. Wenn sich ihre Beute ernähren soll, dann braucht sie auch die freie Flächen im Wald. Spinnen, Ameisen, Laufkäfer, Bockkäfer und viele bunte Schmetterlinge profitieren genauso von der Waldlücke im Wald wie Klappertopf, Türkenbundlilie oder Küchenschelle auf Trockenrasenflächen, die alle Folgenutzer des Beweidens sind. Maximale Artenvielfalt ist immer in Randzonen zu finden. Sie ist umso stabiler je länger solch eine kleinräumig gegliederte Struktur erhalten bleibt. Den Tieren ist es egal ob eine Waldlücke mit Axt und Säge entsteht, durch die Waldweide oder äsende Wildtiere. Denn "naturgemäß" kann genauso gut "naturfremd" bedeuten. Es mehren sich Zweifel und es wächst die Einsicht, dass die Leitbilder aus dem Germanischen Urwald falsch sein könnten. Ein noch so gut gemeintes Naturnähe-Konzept nach Urwald-Muster muss noch lange nicht so mustergültig für den Artenschutz sein wie ein zusammengefressener Plünderwald. |
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Borkenkäfer an, und die reißen schließlich ein Riesenloch in den Wald. Eschen fliegen an und der Eichelhäher nebst dem Tannenhäher, pflanzen unermüdlich, so dass es auch ohne Pflanzspaten artenreicher wird. Aus dem aufgestauten Bach wird eine Teichkette. Läuft ein Teich aus, entstehen Sümpfe die irgendwann nährstoffreiche Weidegründe werden, und davon profitieren dann wieder Rotwild und Elch, die dann ihrerseits mithelfen, diese ihre Parklandschaft zu gestalten, die weit schöner ist als jede öde Fichtenmonokultur. Elche sind für den Naturwald nicht weniger wichtig als der Biber. Selten steht der Schaufel- |
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träger so, wie man ihn gerne zeigt, bis zum Bauch im Wasser. Er aber mäht
weit wirksamer und müheloser als Naturschützer mit Fördermitteln und
Motorsense. Auf natürliche Weise verschwindet so die ungeliebte
Weiden-Sukzession. Elche wandern bis ins Hochgebirge und sie machen sich
auch im Bergwald und in der Landschaftspflege kostenlos nützlich. Der
nützliche Rückkehrer schafft spielend mit den Zähnen, wo andere Schwerarbeit
verrichten. Es befremdet angesichts der horrenden Verluste an heimischen Tierarten, dass die Diskussion um Wälder fressendes Schalenwild derart kontrovers geführt wird. Leider nicht unter dem Aspekt des Artenschutzes, sondern unter dem der Wald-Nutzung. Nach dem Krieg waren die Wälder zwischen Schöngeising-Gilching-Etterschlag von Hirschen und Wildschweinen bewohnt, die wieder ausgerottet wurden, aber heute wieder in aller Stille zurückgekehrt sind. Nur im Gebiet zwischen Ammersee und Lech leben noch einzelne Hirsche. Auch die sind praktisch vogelfrei. Man bekämpft auch die bedrohte Unterart des Rothirsches den Steinhirsch obwohl er am Grat lebt wie die Gams und niemand etwas wegfrisst. Elche sind in aller Stille im Anmarsch. Man wundert sich, dass sich ein anrückender Bär an Haustieren vergreift, die man ja hätte nachts einsperren können. Wesentlicher ist es aber zu begreifen, dass man dem Bären vorher das Futter weggeschossen hatte. Wald gibt es heute reichlich, und selbst die Papierfabrik verschmäht jetzt die Fichte. Die aber wäre unverkäuflich, wären nicht vorübergehend die Chinesen als Holzkäufer aufgetreten. Dennoch pflanzt man immer noch Waldwiesen mit Fichtenwald zu und rühmt, dass die Waldfläche zunimmt. Der Eichelhäher aber weiß es besser. Als überzeugter Waldlücken-Bewohner pflanzt er selbst dort noch die Eiche, wo der nächste Eichenbaum Kilometer weit weg ist. Nach einer Untersuchung bringt er auf diese Weise in einer Saison bis 4.600 Eicheln in den Boden. Doch statt Dank erntet er Bleikugeln. Die großen
Pflanzenfresser aber schaffen einen Plünder-Wald und damit erst jene
Ökosysteme auf die es heute ankommt: Lichte Gehölzbestände,
Schneeheidewälder, Hutungen, lichte Auwälder und Wärme liebende Gehölze. Sie
alle nahmen noch vor dem letzten Krieg in Deutschland 50-80 % der Fläche
ein, und heute sind sie auf unter einige Promille geschrumpft. Gerade hier
leben aber die meisten bedrohten Arten:
Zusammenfassung: "Wald vor Wild" oder "Der Wald und seine Wildtiere?" |