Wald: Naturwald-Reservat Seeholz.
Wir lieben diesen alten Eichenwald – die Hartholzaue am Ufer des Ammersees
von Wolfgang Alexander Bajohr
 



 


Mit seinen überwältigend mächtigen Eichen ist er für uns ein gutes Stück Naturerlebnis. Als Naturwald ist er ein Lehrbeispiel und zugleich ein überkommenes Erbe aus einer Zeit, die ihn als königlicher Wald vor Raubbau bewahrt hat. KW (Königlicher Wald) steht noch auf einem übermoosten Grenzstein. Das Seeholz ist zugleich Naturschutzgebiet und Naturwaldreservat, so bleibt es selbst vor nachhaltiger Forstwirtschaft verschont. Lange ist es her, dass unsere Vorfahren sein Holz nutzten oder ihre Schweine an seinen Eicheln mästeten. So ist diese Hartholzaue am Ufer des Ammersees erhalten geblieben, obwohl die Forstwirtschaft erst vor 250 Jahren entstanden ist. Auf dem nassen Untergrund sind die Bäume allerdings schneller gewachsen als es den Anschein hatte. Als Herr Schäfer noch Forstmeister in Dießen war, hat er herausgefunden, dass die meisten der Eichen 350 Jahre alt sind, also nicht Tausend Jahre alt, wie mancher meinte. Das ist jetzt 50 Jahre her, so dass die Bäume, die der Sturm jetzt am Ende ihres Lebens in der Klimax-Phase auf den Waldboden wirft, wahrscheinlich um die 400 Jahre alt sind, also immerhin älter als die Forstwirtschaft. Als sie aus der Naturverjüngung herauswuchsen, war es die Zeit des 30-jährigen Krieges. In vielen der hohlen Stämme wohnen Tiere, denn das Seeholz ist ein Rückzugsgebiet für viele Pflanzen und Tiere. Nicht weniger als 7.000 Tierarten sind dort nachgewiesen.

Das Leben erwacht im zeitigen Frühling, noch ehe Laub und Kronenschluss den Waldboden verdunkeln. Jetzt schmückt sich der Wald mit einer Blütenpracht von Millionen und Abermillionen von Frühlingsknotenblumen, auch Märzenbecher genannt. Einmaliges Blütenwunder, nur an wenigen Stellen durchmischt mit weißen oder gelben Anemonen, gelbem Scharbockskraut, blau leuchtenden Leberblümchen und Lungenkraut. Wo schmale Bachläufe sich als Mäander durch den Wald schlängeln, kommen noch Lerchensporn und Pestwurz hinzu. Sobald die Blätter sich entfalten, passen Kräuter und Blumen sich dem Lichtmangel an. In Waldlücken wachsen Orchideen, wie Helmorchis, rotes und weißes Waldvöglein oder einige Stendelwurzarten. Für die Forstleute verwirrend schien lange, dass sich fast alles verjüngt, aber die Eichen nicht. Ein guter Teil der Sämlinge sind sicher von den Rehen aufgefressen worden. Aber das Jahr über, kommt auch zu wenig Sonne an den Waldboden, wo es kühl und sehr nass ist.

Wo der Sturm alte Baumgreise fällt und Äste abbricht, dringt Sonne in die Waldlücken. Pilze höhlen von den Bruchstellen her das Hartholz und grüner Teppich überwuchert das gefallene Holz, aus dem eine emsige Schar Kleinlebewesen Walderde macht. Eschen- und Weißbuchensaat eilen auf Flügeln herbei. Nur Rotbuche und Eiche können das nicht. Sie sind auf den Forstmeister im bunten Rock angewiesen, auf den Eichelhäher. Der ist für den Naturwald das wichtigste Tier, weil er die Bäume pflanzt. Doch alle miteinander übersehen den Eifer der Rehe, die 80 % der Naturverjüngung gleich wieder aufessen, so dass die Waldlücke sich oft langsamer schließt als gedacht. Das ist im Naturwald auch gut so, denn es erspart später das Durchforsten, und viele Vögel sind auf diese Waldlücken im Urwald angewiesen. Ohne sie würden hier nicht die 6 Spechtarten trommeln. Der Schwarzspecht und alle drei Buntspechtarten: Klein-, Mittel und Großer Buntspecht, der Grauspecht und der lachende Grünspecht. Sie wiederum hämmern dem Trauerschnäpper, dem Kleibern und allen Meisenarten die Bruthöhlen. Aber ein Baum muss wenigstens 120 Jahre alt sein, ehe er eine Bruthöhle vertragen kann. Später zieht dort der winzige Sperlingskauz ein oder sogar der Raufußkauz. Nur den Waldkäuzen und Waldohreulen gefällt auch eine große ausgefaulte Höhle im Stammholz und beide können auch auf Krähennester ausweichen. Ohne die Vorarbeit der Schwarzspechte aber gäbe es hier keine Hohltaube, und die ruft hier überall im Frühlingswald.

Doch ohne Waldlücken gibt es auch keine Mäuse, und ohne die würden all die seltenen Eulen verhungern. Am Rand der Waldlücke ruft auch die Singdrossel und perlend klingt Rotkehlchens Silberlied. Auch der seltene Waldlaubsänger gleitet mit schwirrendem Singflug zwischen den hohen Stämmen herab.

Tief in dem warmen Mull am Waldboden schläft noch der Siebenschläfer dem Sommer entgegen, wenn der Tisch besser gedeckt ist. Die Dachse buddeln den Bau für den Fuchs und die Hasen jagen sich verliebt durch das Unterholz. Um seiner großartigen Eichen willen ist dieser alte urige Wald Naturschutzgebiet geworden. Doch es gibt nicht minder urige Bäume anderer Hartholzarten hier: Mächtige Rotbuchen und schlanke Eschen oder knorrig gedrehte Stämme vom Baum des Jahres 1995, der Weißbuche. Vom Sämling bis zum gewaltigen Baumgreis steht hier noch ein naturnaher Wald, in dem es von allen heimischen Baumarten alle Altersstufen gibt, ein Wald der etwa so aussieht, wie einst alle unsere Wälder im 5-Seen-Land ausgesehen haben, ehe der Altersklassenwald erfunden wurde. Er ist so beispielhaft ein Wald des Lebens, in dem aus ehrwürdigen alten Bäumen noch junge Triebe sprießen. Es ist ein Wald mit Bäumen, die jeder für sich ein Naturdenkmal sind, inmitten des schmückenden Blütenreigens am Waldboden. Doch im Frühling wird einem das gar nicht so bewusst und auch im Sommer nicht, wenn das grüne Blätterdach den Wald verdunkelt.

Im Frühling kommen die Menschen um die Blütenpracht zu bestaunen und den Vögeln zu lauschen. Im Herbst kommt kaum jemand, und doch schmückt er den Wald mit neuer Pracht. Jetzt erst wird deutlich und bewusst erkennen wir, wie die Naturverjüngung mit Macht in den Waldlücken zu explodieren scheint. Denn wo der Sturm, Schneebruch oder schlicht das Alter die Baumriesen fällt, dringt in die Waldlücken die Sonne vor und lässt die bunten Blätter des Herbstes glühen. So überwuchert die Verjüngung nicht nur den Waldboden, sie siedelt sich ungeduldig auch auf den gefallenen Riesen an, als Moderverjüngung.

Sieht man das alles mit den Augen des wirtschaftenden Försters an, dann besteht das ganze Seeholz nur aus Brennholz, denn alles was da heranwächst, ist krumm und schief. Doch gerade das macht die Schönheit dieses Waldes aus, und man würde sich mehr Wälder wünschen, die man von dem Zwang befreit, wirtschaftlich sein zu müssen. Dafür geschieht im Naturwald alles von selber und nichts verursacht hier Kosten. Ja selbst die Wilddichte ist immer dann richtig, wenn die natürlicher Weise vorkommenden Baumarten sich natürlich verjüngen. Wenn ein Teil dieser Verjüngung wieder aufgefressen wird, so stört das hier keinen, denn der Naturwald hat Zeit, er kennt nicht die Ungeduld der wirtschaftenden Menschen, die für ihre Ziele den Holzackerbau und die Fichten-Monokulturen im Altersklassenwald erfunden haben.

Maßstab für die Qualität eines Waldes ist die Vogelwelt. Manche Arten sind alleine darum selten geworden, weil sie das Opfer früherer Förster-Generationen wurden und mit Holzackerbau oder Fichtenmonokulturen nichts anfangen können, weil sie mit deren Art von Waldbau nicht zu Recht kommen. Das hat lange kaum jemand bemerkt. Betroffen waren vor allem auch Spechtarten, wie Kleinspecht und Mittelspecht. Es gehört schon ein gutes Auge und scharfe Ohren dazu, um sie zu entdecken. Denn meist fliegen sie hoch in den Baumkronen, weil sie dort oben nach den Raupen von Eichenspinner und vielen anderen Insekten suchen. Auch ihre Bruthöhlen sind hoch in den Kronen der Eichen, aber nicht im Stamm, denn mit ihren kleinen Schnäbeln bohren sie die Höhlen viel leichter in morsche Äste. Es ist nicht die Aufgabe dieses Beitrags die Vogelarten zu schildern, so mag hier dieses Beispiel und der Hinweis genügen wie wichtig ein Naturwaldreservat wie das Seeholz ist. Nicht nur, damit diese Arten dort überleben, sondern als Beispiel wie ein Naturwald auszusehen hat. Es sei verbunden mit der Hoffnung, dass viele Waldbesitzer, insbesondere aber der Staat mit unserem Bürgerwald, aber auch die Privatwaldbesitzer das sehen und in ihrem Wald ebenfalls Naturwaldreservate schaffen. Naturwaldreservate und Wirtschaftswälder können durchaus nebeneinander bestehen.