Wald: Das
Wildkaninchen - des Osterhasen wilde Vettern, denn meist ist der „Osterhase“ ein
Kaninchen
von Wolfgang Alexander Bajohr
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Große ovale dunkle Augen geben "Murkmümmelmann" etwas Verträumtes. Es scheint auch, als ob der alte Rammler vor dem Sandbau nachdenkt, denn er bewegt sich nicht. Ganz still sind auch die Löffel (Ohren), nur die schnell wackelnde Schnuppernase verrät, dass er lebt. Sein Fell ist sammetweich, obenauf grau und unten weiß. Nur seine Blume (das Wipp-Schwänzchen) ist oben schwarz. An den Seiten und Schenkeln spielt die grau gestichelte Zeichnung ins rostfarbene. |
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Mit ihren Balz- und Rennspielen beginnen sie schon Wochen vor der Hochzeit. Es ist wahrlich Hochgenuss, ihnen dabei zuzusehen. Sie können unverschämt schnell flitzen, mitten im Rennen das Hinterteil hoch- und herumwerfen, damit sie ratschbumm nach links oder rechts im Zickzack-Kurs Haken schlagen, eben ganz so wie Karnickel. Das versuchen sie auch immer dann, wenn sie erschreckt zum nächsten Erdbau flüchten wollen. All die vielen, die gerne Kaninchen essen möchten, staunen, wenn sie an einem dieser Haken über ihr Ziel hinausrennen und die Spur des ersehnten Löffelbratens verlieren. Ehe sie die gierend schnuppernd wiederfinden, hat der schon längst ein Erdloch gefunden und ist hinein geschlieft. Da ihre Augen eine Rundumsicht von 360 Grad ermöglichen, können sie auf der Flucht stets den hinter ihnen laufenden Feind im Auge behalten und gezielt ihre Haken schlagen. |
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Damit sind wir auch schon mitten drin in unserer "Kinihasen"-Geschichte. Denn lange vor Beginn der Rammelzeit, schon Mitte Januar treffen sich die erwachsenen Kaninchen auf der Rasenfläche zum Turnier. Da versuchen sie sich gegenseitig zu ohrfeigen, dass die Wolle fliegt, sie treten dem Gegner mit den Hinterfüßen vor den Bauch und fechten verbissen und hartnäckig im Hasenturnier. Sie rasen hintereinander her, springen übereinander hinweg und boxen ähnlich wie auch die Feldhasen, sofern sie einander erwischen, denn das ist selbst unter Kaninchen gar nicht so einfach. Sie springen aufeinander zu und prallen dabei auch in der Luft zusammen, worauf wieder die Hatz der wilden Jagd beginnt. Wahrscheinlich lässt Sonneneinstrahlung im Frühling den Hormonspiegel ansteigen, was den Übermut schon lange vor der Rammelzeit weckt. Zwischendrin klopfen sie mit den Hinterbeinen Morsenachrichten auf den Boden, und wieder geht es los. Auch wer einen Feind entdeckt, klopft mit dem Fuß, um die Kolonie zu warnen. Ihr geselliges Miteinander dient dann dazu, den Bau zu bewachen und vor Feinden zu warnen, doch warnen alle Kaninchen vor Fressfeinden. Richten sie sich beim Klopfen hoch auf, ist höchste Alarmstufe angesagt. Es scheint aber auch, dass sie beim Turnier Beifall klopfen. Warum es diese Turniere gibt, ist noch immer nicht richtig geklärt. Ob die Turniere Rangordnungskämpfe sind, bei denen der "Hasenkönig" und die "Hasenkönigin" sich qualifizieren, scheint wenigstens hierzulande zweifelhaft. Von einer Sozial-Gliederung habe ich noch nie etwas bemerkt. Rammler und "Häsin" lassen sich ohnehin kaum unterscheiden. |
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Wurf auf Wurf der Kinder wegen |
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grafen ist es schwierig zu entscheiden, wo er die Kaninchen erwarten will. Ich wähle einen Baumstumpf als Sitz. Von dort kann ich weithin viele der Röhren überblicken, und auch ihr Kaninchen-Straßen-Netz im Wald, das die Kaninchen auf ihrem Weg zum Äsungsplatz auf der großen Liegewiese benutzen. Bei Kaninchen gibt es immer Überraschungen. Darum muss ich die Kamera dauernd schussbereit sein und habe den Finger am Auslöseknopf, denn jeden Augenblick kann aus einem der Baue ein Kaninchen auftauchen und forthoppeln. In leuchtenden Lichtkringeln stiehlt sich die Sonne durch den Hochwald auf den Waldboden. Im Gegenlicht lässt sie grün die Hollerbüsche und Brombeer-Ranken aufglühen. Ein Waldschmetterling, das Waldbrettspiel, flattert einsam durch den Wald und sucht sich einen wärmenden Sonnenkringel, um zu ruhen. Im scharfen Lichtstrahl glitzern Tanzmücken auf. In den Brombeerblüten aber summen die Bienen und mit tiefem Bass die Hummeln. Draußen auf den Wiesen ist es hell geworden. Das stört die alten Wildkaninchen, und sie streben auf ihren Fernwechseln dem Wald zu, weil sie lieber heimlich sind. In heller Sonne wären sie nie so alt und weise geworden. Immer wieder naht ein altes Kaninchen auf dem Wechsel, und sie schliefen flink doch ohne Hast in den Bau, denn die Methusalems leben kaum noch gefährlich. Ein Kaninchen kommt mit einem dicken Grasschnurrbart in der Schnauze. Nein, ein Osternest will sie nicht damit bauen, wohl aber ein Nest für ihre Babys, die sie in den nächsten Tagen erwartet. Sie wird das Grasnest mit weicher "Häschenwolle" ausschmücken, die sie von ihrer Brust und dem Bauch rupft. Ihr Nest ist sicher tief unter der Erde in einem Kessel. Sie ist besorgt, als ich die Kamera schwenke, kehrt um und hoppelt zurück Richtung Feld. Aber dann kommt sie zurück mit ihrem Grasbüschel und schlieft sofort ein. Es kommen auch uralte Großmütter oder Großväter vom Feld zurück. Sie haben ganz markante und kantige Schädel. Sicher sind diese Senioren so zäh, dass man sich die Zähne ausbeißen würde. Bei jedem der Kaninchen überlege ich, ob es ein Rammler oder eine "Häsin" ist. Ein Lotteriespiel, bei dem ich keine Lösung weiß. Richtig weise sehen diese uralten Kaninchen aus, und es gibt mehr davon als nur einen "Hasenkönig" nebst "-Königin". Jetzt aber hoppelt ein Kaninchen heran, bei dem ich gleich sicher erkennen werde, dass es eine Mutter ist. Misstrauisch ist sie, und der unbewegliche Mann auf dem Baumstumpf gefällt ihr nicht. Ich wage kaum zu atmen. Sie hoppelt auf Umwegen schließlich doch noch zu dem Bau vor mir, kriecht aus dem Dunkel der Hollerbüsche heran und bekommt einen ganz großen Bahnhof zum Empfang. Ein, zwei, drei und schließlich fünf "Minihäschen" stürmen ihr entgegen, umringen sie, rollen mehr als sie hüpfen die steile Sandhalde vom Bau herab und wollen unbedingt an die Milch. Das passt der Kaninchenmutter gar nicht, denn sie wehrt die Kinder ab und will nicht belästigt werden. Sie will mit den Kindern schnellstens in den Bau, wo es sicherer ist. Die Kaninchenkinder sind allerliebste kleine Osterhasen mit Wackelnasen und das Netteste, das man sich vorstellen kann. Als die Mutter aufgeregt im Bau verschwindet, hopst und tobt die ganze Rasselbande blitzartig hinterher. Jedes der Kaninchenkinder ist noch so klein, dass zwei davon nebeneinander getrost auf meiner Hand sitzen könnten. |
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die alle Baue miteinander verbinden. Kein Zweifel, sie besuchen sich gegenseitig. Bald kenne ich mich gar nicht mehr aus, wer wohin gehört. Je kleiner die Jungen noch sind, desto eher neigen sie dazu im wohlbekannten Bau zu bleiben. Je größer sie sind, desto eher wandern sie und sitzen auf einmal plautz Nase gegen Nase schnüffelnd bei der lieben Verwandtschaft. Unverholen ist ihre Neugier. Sie strecken sich zuweilen ganz lang und biegen die Fußsohlen durch. Sie klappen die Löffelchen weit nach vorne über das Gesicht und reißen ihre blanken Kuller-Augen auf. Man ahnt, dass sie vor Neugier schier platzen. Noch eines fällt auf. Zuweilen bleiben sie sitzen, neigen den Kopf zum eigenen After und unzweifelhaft, fressen sie die eigenen Bähnchen und damit die scheinbar längst ausgenutzte Nahrung ein zweites Mal. Das hat die Wissenschaft schon lange erforscht. Alle Mitglieder der Hasenfamilie, also neben dem Feldhasen auch das Wildkaninchen, fressen den eigenen Blinddarmkot. Das wurde analysiert und man hat herausgefunden, dass er die doppelte Menge Eiweiß, lebenswichtige Vitamine und die doppelte Menge Darmbakterien enthält wie normaler Kot. Mit jenen Darmbakterien wollen sie wohl auch die frisch aufgenommene Äsung impfen, um Zellulose verdaulicher zu machen.
Woher kommen die Wildkaninchen? Schon Phönizier und Römer liebten Kaninchenfleisch und haben daher schon um 1100 v. Chr. die Wildkaninchen rund um das ganze Mittelmeer verbreitet. Damals hat man sie in "Leporarias" gehalten. Das waren Gärten mit einer Mauer. Nach England, Frankreich und Deutschland sind die "Lapirarien" durch Klosterbrüder gebracht worden. Ganz sicher sind die Urahnen von Ausreißern aus diesen Gärten die Urahnen unserer Wildkaninchen. Der älteste Nachweis für Deutschland entstammt dem Jahr 1149, als das Kloster Corvey in Westfalen zwei Pärchen vom Abt des Klosters in Solignac aus Frankreich geschenkt bekam. Seither haben sie sich über das ganze Land verbreitet, wenn es dort nur halbwegs mild und wild ist. Vorausgesetzt, es gibt weiche Böden, in denen sie ihre Baue buddeln können. Aber sie behelfen sich auch mit Komposthaufen und Strohmieten, wohnen unter Holzhütten und in Scheunen oder auch einfach im dichten Gebüsch.
Auch ohne Jagd bricht der Bestand zusammen Erhebliche Verluste entstehen bei hohen Beständen auch infolge von Kokzidiose und Magenwürmern, durch Pseudotuberkulose, Staphylokokkose und Brucellose. Natürliche Feinde sind Habicht und Sperber für die Jungtiere, Fuchs und Dachs, die sich bis in die Kessel durchbuddeln, aber auch Marder und Wiesel. In manchen Gegenden lebt sogar der Waldmarder Iltis vorwiegend von jungen Kaninchen. Über ein Jahrtausend hinweg sind Wildkaninchen zu einer liebenswerten heimischen Art geworden, die keiner mehr missen will, nicht zuletzt darum, weil die oft reichlich vorhandene Beute durch Jagd nicht zu gefährden ist und hervorragend schmeckt. Helfen kann man den Kaninchen vor allem durch Anpflanzen von Hecken mit reichlich Brombeeren, Himbeeren und Ginster. Davon profitieren dann auch viele andere Wildarten, denen der Lebensraum knapp wurde, vor allem die Vögel. Denn auch für jeden Tierfreund sind diese Mini-Osterhasen eine Bereicherung der Landschaft, und es macht Freude ihnen zuzusehen. |