Eulen: Die
Waldohreule, als Mäuseschreck wendig und zielsicher
von Wolfgang Alexander Bajohr
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Nahe dem Dorfrand steht eine verfallende Scheune, umgeben von einem Dickicht alter Holunder und knorriger Streuobstbäume. Hier beginnt auch entlang dem Wallgraben eine greise Feldhecke, die bis zum Waldrand reicht. Vor Generationen schon hat man die Lesesteine aus den Feldern dort hingeschüttet. Sie bieten Lebensraum für viele Tiere, genauso wie die uralten ausgedrechselt, verschrobenen und ausgefaulten Weißbuchen mit ihrem Höhlenlabyrinth, und die gerade noch lebendige aber innen hohl gewordene Linde, die einst aus einem Stockausschlag herauswuchs. Zur Blütezeit summt es in den Wildkirschen und Traubenkirschen, in den Schlehen und Kornelkirschen. In der Krone der behäbig breiten Kiefer nistet gerne die Elster, und das Dickicht verbirgt Igel und Spitzmaus. |
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Unter der Erde tummeln sich Feld- und Erdmäuse, Gelbhals- und Waldmaus. Dort
jagt das Hermelin, das stets an schwarzer Schwanzspitze zu erkennen
ist und im Winter weiß wird. Hingegen bleibt das Mauswiesel braun, und
es hat ein braunes Schwänzchen. Auch der Fuchs schnürt gerne vorbei.
Für den Steinmarder ist die Hecke Verbindung zwischen Dorf und Wald. Dort
huschen aber auch Blindschleichen und Eidechsen, und es krabbelt allerlei
Käfergetier.
Der Hase drückt sich hier gerne, und auf der dürren Spitze der vom Blitz
gezeichneten Eiche hat der Bussard seinen Lieblingsplatz als Luginsland. |
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Mit 36 cm Körperlänge ist die Waldohreule etwas kleiner aber auch zierlicher als der Waldkauz. Die Flügellänge beträgt knapp 1 m. Flügel und Schwanz scheinen bei schneller Betrachtung schlanker und länger als beim mopsigeren Waldkauz. In vielen Gebieten ist sie sogar häufiger als der Waldkauz. Der ist aggressiver und kann ihr gefährlich werden. Sie reagiert auf diese Gefährdung, dass sie heimlicher ist als er. Daher übersehen wir sie oft. Der Mäuse wegen jagt sie viel lieber in offener Landschaft und viel häufiger auch in Ortsnähe als andere Eulenarten. Nur wer unterhalb ihrer Lieblingsplätze die Gewöllehaufen erkennt, hat eine Chance sie zu sehen. Weil sie sich meist perfekt in Nadelbäumen drückt und tarnt, kann sie es sich auch leisten, wenig scheu zu sein. In der Größe wäre sie eigentlich kaum zu übersehen, denn Männchen erreichen 220-280 g und Weibchen 250-370 g. |
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Als neben unserem Vogel in der Feldhecke in der alten Kiefer eine Krähe zu quorren beginnt, drückt sich die Waldohreule noch tiefer auf den Ast. Nur die goldorangen Augen leuchten aus dem Schleier im Gesicht. Wenn der schwarze Schreihals sie entdeckt, wird er seinesgleichen heranrufen, und gemeinsam werden sie die Eule beschimpfen. Damit werden dann auch die Kleinvögel aufmerksam wie Meisen und Rotkehlchen, Kleiber und viele andere, und alle werden zeternd der Eule das Leben schwer machen. Daraufhin würde sie flüchten und sich in einer Baumhöhle verkriechen. An
diesem Morgen nach der kalten Nacht hat sie Glück, denn die wärmende Sonne
stiehlt sich durch das Geäst, und sie genießt sichtlich die Wärme. Als die
Rabenkrähe davonfliegt, rückt sie noch ein Stück weiter in die volle Sonne.
Dabei spannt sie die Flügel etwas auf, zupft gelegentlich an dieser und
jener Feder, schüttelt sich, macht einige Verrenkungen. Dann beginnt sie seltsame Grimassen zu schneiden und den Schnabel weit aufzureißen, bis sie
würgt und ein dunkles glitschiges Gewölle vom Baum plumpst. Dieser Klumpen
enthält die Reste der Futterrationen, Knochen und Felle der Mäuse, den Kopf
und Flügelstücke eines Vogels, Käferbeine und Chitinreste. |
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Jetzt aber jagt der Eulerich die Eule vor sich her, schreit „huhh, huhh” und sie schreit „wuji, wuji” und abermals knallen klatschend die Flügel zusammen. Schließlich aber besinnen beide sich auf ihren Hunger. Da sie zum Mäusefang die Dämmerzeiten bevorzugen, ist eine Nacht nur kurz, um satt zu werden und zu kurz, um zugleich auch noch beim Jagen heimlich zu sein. So unterbrechen sie den Balzgesang und jagen nun auf Mäuse. Typisch ist dabei ihr Suchflug in weiten Schleifen relativ hoch über dem Waldboden. Es ist eine Kombination aus flachem Rudern der Schwingen und segelndem Gleiten. Wenn es nicht regnet, hilft das Gehör, die Mäuse vorab zu lokalisieren. Im Rüttelflug schwebt dann plötzlich der Tod über der Maus. |
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Mit fallschirmartig gebreiteten Schwingen fängt der Vogel den Schwung vor
dem Aufprall ab, greift seitlich im Vorbeigleiten die Maus mit
vorgestreckten Krallen und lehnt beim Greifen den Kopf etwas zurück als er
zupackt und schon wieder durchstartet, um sich geschickt wieder in die
Baumkronen zu erheben.
Waldohreulen jagen aber auch, mit den Schwingen schlagend, Kleinvögel aus dem
Schlafbaum ins Dunkel hinaus und packen dann zu. In der Regel schlucken sie
die Maus auf einer Warte dann in einem Stück hinunter. Jetzt aber will das
Männchen zeigen, dass es sehr wohl fähig ist, ein brütendes Weibchen zu
versorgen, und so schenkt er ihr seine Maus.Nun
jagen sie zu zweit über die Wiesen. Eulen jagen dabei gar nicht so lautlos,
wie es oft beschrieben wird. Der Schlag ihrer langen Flügel ist schon bei
einer einzelnen Waldohreule gut zu hören, so laut ist er. Bei zwei Eulen
ist er noch lauter, denn jetzt jagen die beiden Waldohreulen einträchtig
miteinander und die ganze Nacht über, bis das Ende der blauen Stunden naht.
Wenn schon vor dem Sonnenaufgang der Himmel aufglüht, und schließlich der
Feuerball über den Horizont rollt, jagen sie so vereint noch eine ganze
Weile, denn sie sehen auch am Tage recht gut. Finden
sich doch auch im Winter Waldeulen zu Rastgemeinschaften zusammen. Tagsüber
sitzen da nun zuweilen 30 oder bis zu 100 Waldohreulen beisammen in einem
Baum und tauschen Erfahrungen aus, wo es in diesem Winter noch etwas zu
jagen gibt. Diese Winterversammlungen in immer dem gleichen Baum haben oft
schon Jahrzehnte Tradition, manche behaupten sogar, dass die Tradition 100
Jahre oder noch älter sei. Nachts fliegt aber jede für sich alleine los in
die Landschaft. Tags kehren sie dann wieder auf diese Sammelschlafbäume
zurück. Diese Toleranz gegenüber Artgenossen wird ebenfalls deutlich, wenn
eine ganze Eulenschar beim Gruppenansitz auf dem Acker hockt und jedes
Mauseloch kontrolliert wird. Nicht
nur gegenüber der eigenen Art, auch gegenüber allen Eulenarten sind sie
tolerant und kämpfen nicht. Stets setzen sie eher auf Feindvermeidung als
auf den totalen Krieg und Angriff. |
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Es ist
sehr schwierig, die verdeckt in den Bäumen ablaufende Balz zu beobachten,
aber irgendwie sortieren Männchen und Weibchen sich schließlich auseinander,
und die einzelnen Paare finden zueinander. Wenn es ernst wird, reißt das
Männchen die Flügel V-förmig hoch und landet rasch fallend zielgenau bei
seinem Weibchen. Die
aber bettelt ihn gleich um Futter an. Dann drehen sich beide Partner in
steifer Haltung trippelnd auf dem Ast. Die Federohren haben sie hoch
aufgerichtet und sie ziehen ein schmales Gesicht, das für uns Menschen
hochmütig wirkt. Dann reißt er die Flügel nach hinten über dem Rücken hoch
und verbeugt sich immer wieder wippend vor dem Weibchen. Das wiederum
duckt sich flach nieder und hält auffordernd den Schwanz horizontal
abgeschwenkt. Jetzt springt das Männchen mit immer noch nach hinten
hochgerissenen Flügeln auf und kopuliert. Das Weibchen quittiert mit matten
Flügelschlägen winkend. Ein „schirkendes” Knurren stoßen dann beide aus. Es
schließt die vollzogene Eulenhochzeit ab. |
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In der 2.
Woche können sie Reste zerrissener Beutetiere im Nest erkennen und
fressen. Mit der 3. Woche zerreißen sie Mäuse selber in Stücke, um diese
Teile zu verschlingen. Von der 3. Woche an beginnen sie auch schon aus dem
Nest zu klettern und die umliegenden Bäume zu besteigen. Damit wird aus dem
Nestling ein Ästling, der jetzt beginnt, die von den Eltern gebrachten Mäuse
total zu verschlingen. Es hat
Vorteile, ein Ästling zu werden, denn das ist eine Sicherheitsstrategie. Wenn der Baummarder das Eulennest findet oder ein anderer Fressfeind, kann
er niemals alle finden und töten. Umso besser für die Eulen-Familie, wenn
möglichst viele das Nest schon verlassen haben, falls ein Fressfeind sich
einstellt. |
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Waldohreulen sind wendig und zielsicher als Mäuseschreck der Nacht |