Listiges Gesindel erobert die Gärten. Wanderratten sind doch nur riesige Mäuse
von Wolfgang Alexander Bajohr
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Was
da gerade um die Ecke prescht, ist das eine Ratte? |
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Wo immer es etwas zu holen gibt, rücken die Ratten an. Das Milliardenheer der "Kaspischen Maus" hält heute die ganze Erde besetzt. In Indien soll es fünfmal mehr Ratten als Menschen geben. Aber auch bei uns in Deutschland gibt es wenigstens so viele Ratten wie Menschen, wenn nicht sogar mehr. Das listige Gesindel ist ein echter Erfolgstyp. Gegen die Wanderratten haben die Menschen ihren totalen Krieg längst verloren. Sind die Ratten einmal los, und finden sie genügend Nahrung, überstehen sie siegreich auch jede massenhafte Verfolgung. Sie sind Meister darin, sich vollendet anzupassen, selbst an Gift. Ist die Not groß, mümmeln sie auch mal nur die Grablichter auf dem Friedhof oder die duftende Papier-Packung aus den Abfallkörben der Fast-Food-Restaurants. Sie besiedeln die Papierkörbe an den Rastplätzen der Autobahn und finden ein Futterparadies an den Entenhäuschen im Park. Unsere Komposthaufen mit Essensresten aller Art sind ein Schlaraffenland, in dessen lockerer Erde sich auch gleich noch eine Mehrzimmerwohnung buddeln lässt. Ohne die Wegwerfphilosophie unserer Wohlstands- und Überflussgesellschaft hätten sie wohl kaum eine so beispiellose Karriere als Trittbrettfahrer unserer Zivilisation machen können. Auch unsere Vorratshaltung ist schon zu Zeiten ihrer Einwanderung eher leichtfertig als vorausschauend gewesen, und die Ratten haben sich angepasst. Denn eines ist sicher und gilt für alle Tierarten. Wo sie Futter in Hülle und Fülle finden, explodiert ihr Bestand. Wo Futter rar ist, wandern auch die Wanderratten ab. Unterernährte Mütter haben weniger oder gar keine Jungen, und sie haben zum Säugen weniger Milch. Dass Ratten zum Ekeltier wurden, liegt an ihrer für uns ekelerregenden Gewohnheit im Untergrund Wühlarbeit zu leisten und auch durch die Kanalisation zu paddeln. Auf diese Weise können sie sogar in sehr saubere Häuser geraten und in den glatten Plastikrohren hochklettern. So mancher Hausfrau ist schon schlecht geworden, wenn ihr mit freundlich gelb gebleckten Zähnen eine Ratte aus der Klosettschüssel entgegengrinste. Der Gedanke, dass sie auf diesen Wegen Keime ansteckender Krankheiten aufsammelt, liegt nahe. Den Menschen stecken eben noch die Schrecken der großen Epidemien des Mittelalters in den Gliedern, für die Wanderratten aber gar nichts können, weil es sie damals hierzulande noch gar nicht gab. Der Übeltäter war einst die sonst so saubere Haus- oder |
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Sonst widerlegen Ratten alle gegen sie gehegten Vorurteile. Sie sind fanatische Saubermänner. Offene Konflikte und Beißereien sind verpönt. Ein Rattenrudel kennt sich am Baugeruch und selbst wenn Fremdlinge zu nahe kommen, die anders riechen, scheint Lebensgefahr nicht die Regel zu sein. Meist gibt es nur eine Art Ringkampf und Boxgefechte mit den Vorderpfoten, aber die gelben messerscharfen Zähne setzten sie nicht ein, und eine Unterwerfungsgeste beendet das Gefecht. Auch wenn man sich in einem großen Rattenvolk mal gründlich prügelt, greift eine Oberratte gewaltsam ein und beendet die Kulturrevolution. Futterneid ist verpönt. Man sagt sich, wo die guten Brocken her sind. Und beim Sex geht es recht freizügig zu. Weibchen, die schon 3 1/2 Monate jung geschlechtsreif werden, sind nur 6 Stunden lang empfangsbereit, so dass jede weitere Kopulation durch immer wieder neue Männchen die Chance der Befruchtung erhöht. Nach 24 Tagen Tragezeit werden im Schnitt 7 rosa Babys geboren, in der Rattenkommune ins Gemeinschaftsnest gepackt und von allen gemeinsam versorgt. Wenn eine Mutter tödlich verunglückt ist, ziehen die Anderen ihre Kinder mit auf. Nach 15 Tagen öffnen die Jungen ihre Knopfaugen, und eine weitere Woche später wandern sie schon über die Straßen der Rattengemeinschaft zum Festfutter. Mit 35-40 Tagen wird die Milch abgesetzt. Kohlenhydratreiche Kost ist danach ihr Lieblingsgericht, vor allem Getreide, Grassamen, Gemüse und Fallobst. Aber auch Junge aller Vogelarten, Fische und Frösche. Nach Beute im Wasser wühlen sie mit den Händen und seihen es zwischen den Fingern durch. Rein theoretisch kann ein Rattenpaar binnen Jahresfrist rund 10.000 Nachkommen haben. Mit 18 Monaten kommt die Rattenmama in die Wechseljahre und mit dem Sex ist es vorbei. Aber auch die zahlreichen Rattenfresser sorgen gemeinsam dafür, dass der Bestand sich in Grenzen hält.
Woher sind die Ratten zugewandert? |
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Hingegen haben die Ratten eines Rudels sich viel zu erzählen, über Gefahren von außen, über Gift oder Nahrungsquellen. Ein Notschrei kann alle vertreiben. Das Individuum stirbt, aber die Gemeinschaft überlebt. Immer werden aus der genetischen Gemeinschaft genügend übrig bleiben, um die Art zu erhalten. Dieser Erfahrungsaustausch unter ihnen macht es so schwer, ihnen beizukommen, und es ist das Geheimnis ihres Welterfolges. Selbst die Stimmung ist Gemeinschaftssache. Putzt sich eine, putzen sich alle. Findet eine Nahrung, kommen bald alle. Sie sind vollendete Kavaliere bei der Futtersuche, untereinander zärtlich, legen viel Wert auf ihre Liebesspiele und sind auch sonst stets zum Spielen aufgelegt, wenn sie umhertollen, quieken und mit dem Schwanz wedeln. Als Meister der Improvisation polstern sie ihre Nester mit Gras aus oder mit Putzwolle, mit Holzwolle, Papierschnitzeln oder Lappen. Sie kuscheln gemeinsam und gemeinsamer Geruch verbindet die Rudelmitglieder, die ja sogar ihre Jungen im Kollektiv säugen. Dieser Kontakt zu ihresgleichen hat unserer Ratty wohl gefehlt, die ich etliche Monate im Hause gehalten habe, um sie zu beobachten und in ihrem Rattenalltag zu fotografieren. |
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Unser Ratty blieb ein Wildtier, weil sie vielleicht schon zu groß war, als ich sie bekommen habe. Wenn sie in einem ausbruchsicheren Raum spazieren ging, weil der Käfig gereinigt wurde, war sie immer etwas hysterisch und hat mich nicht als Ratte akzeptiert, denn nach einem schrillen Angstgeschrei sprang sie mich bis auf Kniehöhe an und zwickte ihre gelben Beißerchen durch mein Hosenbein. Sie griff mich an wie jede anständige wilde Ratte, die Angst hat. Einmal hat sie mich empfindlich am Finger erwischt. So habe ich mich nicht getraut, sie auch noch durch den Pullover krabbeln zu lassen oder sie auf die Schulter zu setzen. Vielleicht hätte ich von ihr lernen können, wie man sich durch Mauern beißt, aber bitte, wofür braucht man das? Als Fotomodell war sie ganz kooperativ und hat sich begeistert in Vorratsregalen getummelt, wo sie an den Dosen nicht viel anrichten konnte. Sie hockte sich auch bereitwillig zwischen Spinnweben freiwillig in die dreckigsten Winkel, obwohl sie sich als leidenschaftlicher Saubermann hinterher stundenlang waschen musste. Sie hat mir auch vorgeführt, wie man als Ratte über das Schiffstau an Bord kommt. Nur wenn ihr die dauernde Blitzerei lästig wurde, hat sie empört vor sich hingemeckert, damit ich sie in Ruhe lasse. Klar geworden ist mir auch, warum Ratten das sinkende Schiff verlassen noch ehe es soweit ist. Sie haben nicht gerne nasse Füße, und mit denen muss man auf alten Kähnen schon rechnen. Noch etwas habe ich lernen müssen, dass man mit Speck vielleicht Hausmäuse fängt, aber noch lange nicht Ratten, denn deren Lieblingsspeise sind Haferflocken in roher und gekochter Form, und wer Ratten fangen will, der wird mit Haferflocken am allerweitesten kommen. Ich bin damit jedenfalls erfolgreich und hatte schon zwei gleichzeitig in der Lebendfalle. Dass unser Ratty am Ende seines Menschenabenteuers nicht gekillt wird, war lange Ehrensache, denn wir hatten uns aneinander gewöhnt, und sie war mein Gast. Irgendwie habe ich dann beim letzten Fotoabenteuer aber wohl doch noch einen Fehler gemacht, denn ich wollte Ratty auf einer kleinen Insel im gurgelnden Bach fotografieren. Da sie noch nie im Leben Wasser gesehen hatte, war ich überzeugt, sie bleibt auf ihrer Wasserburg. Doch Ratty war anderer Meinung. Blitzartig, als hätte sie es gelernt, ist sie zum Ufer geschwommen, hat auch gleich einen Bisambau gefunden und ist vom Ufereingang aus unterirdisch ein Stück in den Auwald gewandert, dort aus einer anderen Röhre herausgeschlüpft und hei, wie ist sie dann über die Moospolster im Wald munter waldeinwärts getrabt. Die Freiheit hatte Ratty wieder, aber fortan hat sie ihr Futter auf andere Art und wahrscheinlich schwerer erarbeiten müssen. |
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Eines ist trotz allem sicher, dass Gift und Giftgas nicht in die Hand von Amateuren und nicht in die Landschaft gehört. Wer anderer Meinung ist, der sollte einmal einen vollen Tag im Wartezimmer der Tierärzte zubringen, damit er sieht, wie viele vergiftete Hunde und Katzen dort behandelt werden müssen. Es mag sein, dass auf Schiffen mit Nahrungstransporten, auf manchen Bauernhöfen nach der Ernte oder in großen Lagerhäusern Gift nicht entbehrlich ist, doch das legen Kammerjäger. In unseren Gärten und Wohnbereichen hat es nichts zu suchen und in der Hand von Nichtfachleuten schon zweimal nicht. Als Gegenspieler der Ratten zeigt selbst der "Automarder" sein zweites und für uns sehr nützliches Gesicht. Je natürlicher und umweltfreundlicher unsere Gärten sind, desto mehr natürliche Feinde der Ratten gibt es. Die eine oder andere fängt ein rattenscharfer Hund, und mancher große Hauskater schafft es auch. Wo gar nichts mehr geht, ist auch die Totschlag-Rattenfalle fehl am Platze, denn darin fangen sich nur unsere Vögel und Igel. Darum sollte man diese Falle gesetzlich verbieten. Ideal und immer wieder verwendbar sind Lebend-Rattenfallen, die man täglich zweimal kontrollieren muss, denn von der Ratten-Lieblingsspeise Haferflocken naschen auch Vögel, und die können wir dann immer wieder freilassen. Aber auch eine stabile Rattenfalle ist nicht ausbruchsicher. Ehe ich mich versah, hat eine frisch gefangene weißhaarige Rattenoma zu toben begonnen als sie mich erblickte. Die Klappe ist zurückgefedert und "peng" hat sie Falle, Haus und Garten verlassen. Noch besser als Fallen ist es, den Ratten die Nahrung zu entziehen und Essens-Reste nebst Fallobst in der Biotonne zu entsorgen, nicht aber auf dem Kompost. Dorthin gehören nur Gartenabfälle und geschredderte Zweige, aber keinesfalls Fleisch, gekochte Kartoffeln, Brot oder alles was Kohlenhydrate enthält. Dort, wo es keine Nahrung für die Wanderratte gibt, wird sie fernbleiben und weiterwandern, um einen gastlicheren Ort zu suchen. Ihr das Brot unter der Butter wegzunehmen, ist das allerbeste Rezept. |