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Die letzten treffen noch im Juni in der Kolonie ein und beginnen sofort zu
bauen. Denn verpaart haben sie sich schon im Winterquartier. Nur die
jüngeren Vögel finden sich erst im Brutgebiet zusammen. Interessant ist es
ihrem Balzspiel zuzusehen, denn sie haben eine eigene Art dafür. Mit
hängenden Schwingen und gespreizten Schwanzfedern steigt das Männchen
hinter dem Weibchen her, das mit hoch erhobenem Kopf und an die Brust
gedrücktem Schnabel vor ihm umherstelzt. Beide trippeln umeinander herum.
Dann wählen sie in der Kolonie ihren Nistplatz. Das kann die schwimmende im
Winter angetriebene Kante aus zusammengetriebenem Schilf sein, ein altes
Nest von Tauchern, Blesshühnern und anderen Wasservögeln übernommen. Oder
aber sie schichten auch selbst frei und offen im Wasser Schilf-Halme
zusammen, drehen eine Mulde hinein, und sobald die 2-3, manchmal auch 4 Eier
darin liegen ist ihre Ehe geschlossen. Nach der Brut gehen die Vögel wieder
auseinander. Die Familie Wachter, vom Seehof, der auch der See gehört, hat
uns damals ihr Boot geliehen, weil sie meine Fotoabsichten unterstützt
hatten.
Leise plätscherten die glitzernden Wellen, als sich unser Boot hinausschiebt
und zwischen den gelben Teich- und weißen Seerosen, mit Kurs auf die
verschilfte Verlandungszone. Dort ist die Luft erfüllt von lauten
Protestgeschrei der Möwen. Einzeln hört sich ihre Stimme an wie ein
schrilles „kriäh“ und „kräck, kräck, kräck“. Für des Menschen Ohr sind es
keine angenehmen Rufe, und wir glauben, dass sie so gar nicht zu dem schönen
Vogel passen. In der Vielzahl wird der Lärm der Rufe vieler Möwen
infernalisch, und es hört sich an, als ob alle Paare in Scheidung lebten.
Weich schiebt sich
unser Kahn auf den schwimmenden Grund der Verlandungszone. Hier ist der
Boden eine etwa 15 cm starke Schwingmoordecke aus Pflanzenresten, die auf
dem See schwimmt. Einige Bretter müssen uns vor dem Einsinken bewahren. Die
Nester stehen ganz dicht nebeneinander. Heute gilt es als verpönt an
Vogelnestern Verstecke aufzubauen. Damals hatte man darüber noch nicht
nachgedacht und es war die Regel. Selbst innerhalb eines Nestes sind die
Eier ganz verschieden gefärbt. Das kommt durch die Nachgelege auf Grund des
Absammelns.
Vier lange Stangen stecken wir endlos tief in den Untergrund, zurren sie mit
Bindfaden zusammen, damit sie nicht umfallen. Ein Militär-Tarnnetz darüber
und schon ist das Versteck fertig, etwa 80 cm hoch und nur 1 m vom nächsten
Möwennest entfernt. Für heute reicht es, wir fahren zurück.
Ich schlafe in Wachters Seehof im Heu. Das erste was mich am Morgen weckt,
ist das Schreien der Möwen. Nebel liegt über dem See. Hinter der sanft
geschwungenen Hügelkuppe mit der dunklen Waldmütze taucht die Sonne als
leuchtend roter Feuerball auf. Drüben auf der Wiese steht ein Rehbock, ein
einseitiger Moorbock mit krummem Gehörn. Nicht weit davon äst eine Rehgeiß
mit ihren 2 Kitzen. Als die Sonne hoch genug steht, lasse ich mich zum
Versteck bringen. Die Blesshühner führen schon ihre Jungen aus und auch der
Haubentaucher führt seine Kinder auf dem Rücken sitzend spazieren.
Schwarzhalstaucher eilen, um im Schilf zu verschwinden. Reiher stehen am Saum
tief bis zum Bauch im Wasser. Stock-, Schnatter-, Tafel-, Löffel-, Reiher-,
Krick-, und Knäkenten gibt es zu sehen. Kärrekiet singen die Drossel- und
Teichrohrsänger und dumpf tönt der Ruf der Großen Rohrdommel.
Wir sind noch gar
nicht beim Versteck, da ist auf einmal Panikstimmung bei den Möwen. Eine
Rohrweihe schaukelt über der Kolonie. Damals wusste ich noch nicht, dass sie
dort Brutvogel ist. Schneidig angreifend gelingt es den Möwen, ihren Erzfeind
zu vertreiben. Allmählich beruhigen sie sich und einige sitzen sogar auf
meinem
Versteck. Zusammengekrümmt hocke ich jetzt darin und das Boot fährt zurück.
Damals hatte ich noch kein Stühlchen und hockte auf meinen Stiefelabsätzen,
was höchst unbequem wurde. Schon landen die ersten Lachmöwen wieder. Da
läuft etwas durch das Schilf. Ein kaffeebrauner Vogelkopf mit weißem
Augenring lugt um die Schilfecke. Die Möwe ist taubengroß, weiß mit grauen
Flügeldecken, hat schwarze Schwingenspitzen und karminrote Füße. Sie macht
einige bedachte Schritte und läuft dann ohne Halt flink zum Nest, wendet die
Eier mit dem Schnabel und sitzt schon. Klick und wieder Klick macht die
Kamera. Anfangs zuckt sie beim Auslösegeräusch, aber bald gewöhnt sie sich
daran. Schließlich sitzt sie hechelnd auf Greifnähe vor mir. Sie hechelt
noch immer, und der karminrote Schnabel lässt mich bis in ihre Seele
schauen. Die Brutablösung fotografieren geht nicht mehr, denn das Boot
kommt viel zu früh zurück. Die Möwen rundum fliegen kreischend auf. Wir
bauen flink ab, verladen alles und der Kurzbesuch in der Möwenkolonie ist
vorbei. Der Kärrekiet singt uns noch ein Abschiedslied, am Ufer empfängt uns
knicksend die Weiße Bachstelze.
Nach volkstümlicher
Ansicht leben die Lachmöwen von Fischen. Das ist Unsinn! Denn sie können
nicht einmal Fische fangen, sieht man einmal vom Fischunkraut ab, wie
Moderlieschen etc. Die wurden in 16 % der Speiballen gefunden. Möwen sind
auch keine Raubvögel und keine Fleischfresser, sondern ganz einfach
Nahrungs-Opportunisten, die alles fressen, was ihnen in den Weg kommt. Wüst
nennt ihren Speisezettel außerordentlich vielseitig. Ich habe Aufnahmen von
ihnen, da füttert die alte Lachmöwe ihre Jungen mit Kirschen, die frisch vom
Baum gepflückt wurden.
Natürlich nehmen sie Kerbtiere wo sie sich anbieten, ebenso tote Mäuse,
Engerlinge und Abfälle aller Art, pflanzlich wie tierisch, und sie
marschieren gerne hinter dem Pflug her um aufzusammeln was sich bietet.
Dabei marschieren sie mit ihren breiten Füßen, die Schwimmhäute tragen recht
wacker über die Schollen. Nur ihre Jungen bekommen nicht nur Kirschen,
sondern vor allem Kerbtiere und Engerlinge aller Arten. Aus der Hand
gefüttert fressen sie Brot und wissen es im Fluge recht geschickt
aufzufangen. Ihre Wendigkeit in der Luft ist enorm, so das es äußerst
schwierig ist, sie im Flug zu fotografieren.
Nach dem Jagdgesetz haben sie eine Schusszeit und man fragt sich wie das
begründet ist. Denn Schaden im Revier machen sie keinen und auch sonst
müsste man sie eher zu den Vögeln rechnen, die dem Menschen Nutzen bringen.
Ökologisch gesehen gibt es ja weder schädliche noch nützliche Tiere, sondern
die Natur harmoniert von- und miteinander. Die ungeheuere Menge Kerbtiere,
die sie verschlingen, müsste den Bauern Jubelschreie entlocken. Man sollte
sie verschonen, denn in ihrer wachsamen Obhut können andere Arten sich
sicherer fühlen, wie z.B. die Schwarzhalstaucher, die meist nur inmitten der
Möwenkolonie Bruterfolg haben. Zwischen den Flussseeschwalben brütend
verhindern die Lachmöwen, dass Krähen den Flussseeschwalben die Eier
wegfressen. Schließlich aber sind sie eine Zierde unserer oftmals verarmten
Gewässer. Sie tragen auch Freude in die Städte, wenn sie vor den Brücken
oder vor dem Fenster rütteln, um einige Brocken Brot zu erbetteln. Aus
Gründen der Gesundheitsvorsorge für den Menschen ist ihr vermehrtes
Auftreten an offenen Müllhalden allerdings bedenklich. Doch als Brutvögel am
Maisinger See sind sie die Perlen, die sie zur Zierde dieses Gewässers
machen.
Wolfgang Alexander Bajohr
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