Maisinger See: Wo die Himmelsziegen meckern
Von vielen kaum beachtet brüten noch Bekassinen im Moos 

von Wolfgang Alexander Bajohr

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Bekassine
Als es im Osten ein wenig lichter wird und ein Rosenhauch den Himmel überzieht, steigt auch die Helligkeit über dem Land höher. Dunstschleier geistern über die Streuwiesen. Sie verhüllen eine Handvoll silbergrauer Wollgras-"Blüten", die eigentlich Samenstände sind und auf einmal glasklar im Lufthauch pendeln, der den Dunst wegwischt und den Wasserspiegel auf dem Maisinger See kräuselt. Hier wo einst die Streuwiesen gemäht wurden, war es auch, 
wo wir immer wieder im Frühling den Kiebitz beobachtet haben, der mit hellem Juchzer über die Feuchtwiesen taumelt und wo wir dem dumpf wummernden Schwingenschlag seiner Flügel lauschten. In Risch und Rohr sang wenige Wochen später der kleine Karrekiet, der Teichrohrsänger. Die Rohrammer pendelte am Ufer an Schilfhalmen und das Braunkehlchen saß auf dem Samenstand einer verblühten Lilie und beschimpfte den Kuckuck, dass er sich hierher wagte. Doch dem ergeht es gar nicht so gut, denn der Baumfalke will ihn jagen und fressen. Fröhlich zwitschert der Wiesenpieper das ganze Jahr aus den hohen Seggen Sonst gibt es nie sehr viele Brutvögel im Moos. Die Mehrzahl der Vögel, denen wir sonst noch begegnen, zieht vorbei oder sie rasten nur an flachen Stellen im See. Noch immer halten sie an alten Wandertraditionen fest und besuchen den kleinen See neben dem großen. Aber die Artenvielfalt ist erstaunlich, und wir erkennen, wie viele hier doch bodenständig waren und von denen wir hoffen, dass sie zurückkehren. Im Moor stört sie niemand. Noch immer höre ich zur Zugzeit das Pfeifen und Flöten aus dem Himmelsblau und es ist so voll, so wohlklingend, wenn es aus der Luft herabschallt und die Großen Brachvögel dort ihre Kreise ziehen, aber sie ziehen weiter.

Doch nicht alle von denen, die ich hier treffe, treten so offen und auffallend in Erscheinung. Man weiß nicht recht, ob sie nur Gast oder beständig hier leben. Jetzt sitzt einer von jenen dort an der Feuchtstelle eines Moorauges, sucht Futter, und wenn er zur kurzen Runde aufsteht ruft er "Kreck, kreck", dann setzt sich der kleine drosselgroße Vogel wieder und stochert im langem Stecher im Schlamm, den er als Watvogel durchtrippelt. Dieser lange Schnepfenschnabel ist typisch für die Bekassine.

Bekassinen waren hier Jahrhunderte lang Brutvögel. Jetzt kommen sie und rasten, und dabei sind sie untereinander relativ ungesellige Individualisten. In all unseren Mooren im Oberland waren sie häufige Brutvögel, die in anderen Staaten der Nordhalbkugel mit einer Dichte von 0,5-8 Paaren pro ha brüten. Heute treffe ich sie nur noch selten im Frühling oder Herbst, wenn sie mit typischem Rätschlaut aus einem Entwässerungsgraben oder einer Feuchtstelle ganz plötzlich und erschreckend aufstehen und mit schmalen spitzen Flügeln im Zickzackflug davonbrausen. Sonst benehmen sie sich den Sommer über eher unauffällig, so dass die Brutpaare uns meist entgehen.

Früher wurden sie vor allem in Oldenburg und Mecklenburg gejagt und mancher Schütze hat an einem Tag bis zu 70 Stück geschossen. Dabei sind sie gar nicht so einfach zu treffen, und die Jäger kommentierten das mit dem Vers: "Die Bekassine, diese kluge, fliegt in schnellem Zick-Zack-Fluge, und das ist ihr Glück, schießt man auf Zack, ist sie auf Zick." Das macht wohl deutlich, dass die Jäger an ihrem Unglück unschuldig sind und dafür meist die Lebensraum-Zerstörung schuldig ist, zuweilen aber auch die Verwilderung einstigen Bauernlandes.

Sie lebten meist in Feuchtbiotopen mit niedrigem Bewuchs, wie sie in Nieder- und Übergangsmooren, Verlandungszonen und auf Weideland an Feuchtstellen zu finden sind. Die Grundwasserabsenkung hat ihnen den Garaus gemacht, und ich selber habe das innerhalb meines Lebens miterlebt. Die Biotope wurden immer weniger, vor allem waren sie weniger nass. So wurde aus schlechten Grenzertragsböden miserables Ackerland, aber die Bekassinen bleiben auf  der Strecke. An anderer Stelle wurden die Streuwiesen nicht mehr gemäht, und das gefällt ihnen auch nicht.

Bekassinen sind etwa drosselgroß und im wesentlichen bräunlich. Hell- oder rötlichbraun mit dunkelbrauner gekritzelter oder gepunkteter Zeichnung. Oberkopf und Rücken sind längs hell-dunkel gestreift, was sich hervorragend als Tarnfarbe bewährt. Wenn sie auf bräunlichem Untergrund trippelt und mit dem Schnabel im Boden stochert, ist sie kaum zu sehen. Wir müssen uns auch wundern, dass sie auf diese Weise ihr Futter findet. Doch kann sie ihren Oberschnabel verbiegen, er ist sehr sensibel, um auch die feinsten Bodenschwingungen zu ertasten, die von der Beute ausgehen. Meist sind das Regenwürmer oder Käferlarven und anderes Kleingetier aber auch Pflanzenteile. Mit den großen nach oben verlagerten Augen sind sie ähnlich wie Waldschnepfen oder Hasen optimal gerüstet, die Welt rundum auf 360° zu sehen.

Wirklich auffällig sind Bekassinen nur im Frühling, wenn sie als "Himmelsziegen meckern" oder auf einer Baumspitze sitzen, und in die Dämmerung ihren Namen hinausschreien "Beka, beka , beka , beka, beka". Man weiß sie nicht recht zu finden, und ich staunte oft, wenn ich sie auf einer hohen Baumspitze entdeckt habe.

Dann wieder braust sie los, gewinnt auf schnellen schmalen spitzen Schwingen rasch an Höhe, steigt auf 50-150 m hoch, um sich dann plötzlich steil herabzustürzen. Dann aber ist es zu hören, jenes Meckern der Himmelsziegen, das den Frühling der Moore noch vor wenigen Jahren erfüllt hat.

Dieses Meckern entsteht in der etwa 15 m langen Abgleitphase des Sturzfluges. Es ist ein Instrumental-Laut, der durch Vibrieren der beiden äußersten "Schallfedern" des Schwanzes zustande kommt. Die während des Sturzfluges abgewinkelten und dabei zuckenden spitzen Flügel wandeln durch kurze Unterbrechungen des Luftstromes diesen Ton in das bekannte Meckern der Himmelsziege um, das noch auf 100 m laut zu hören ist. 
Nach dem Sturzflug gewinnt sie schnell flatternd mit Schwung wieder an Höhe und reiht danach Meckerflug an Meckerflug. Sie meckern einander schon etwas vor, noch ehe sie ihr Brutrevier erreichen, und dort meckern sie dann eingehend im Umkreis von 200-300 Metern um das künftige Nest, besonders in der Morgen- und Abend-Dämmerung. Entgegen von Angaben in der Literatur meckern nicht nur die Männchen, sondern die Weibchen auch.

Dabei liegt die Hauptbalz-Zeit im April, und in den kalten Jahren (oder als Nachgelege) brütet sie auch noch im August, obwohl die Durchzügler schon im September auftauchen. Die Boden-Nester, ähnlich denen der Kiebitze, sind versteckt im hohen Gras oder im feuchten Überschwemmungsgebiet auf Bülten angelegt. Die immer 4 Eier wiegen soviel wie 2/3 des Körpergewichtes. Fraglos sehr anstrengend, soviel Ei-Masse zu produzieren. Von dieser Anstrengung kann sich das Weibchen drei Wochen lang erholen, wenn es still brütend auf dem Nest hockt. Sind die Nestflüchter erst einmal heraus, entwickeln sie sich schnell. Sechs Wochen führt die Mutter sie in das Leben ein, aber nach 3 Wochen fliegen sie schon. Wenn alles gut geht, haben sie mit 12 Jahren ein für Vögel langes Leben vor sich.

Natürlich frisst von den Jungen eines der Baumfalke oder ein Raubwürger. Der Fuchs packt eines und ein anderes das Hermelin. Der Iltis stibitzt ein Ei, oder Weidetiere zertreten das ganze Nest. Doch das alles war schon immer so und hat den Bestand der Art nie gefährdet.

Ich habe es innerhalb meines Lebens miterlebt, dass man vielen Mooren das Wasser weggenommen hat. Damit war es um die Bekassinen geschehen. Doch hier haben sie noch einen idealen Lebensraum.