Im
Jahreslauf: Wenn der Tauber ruft. Auf
den Vogel mit der morgenrotfarbenen Brust
von Wolfgang Alexander
Bajohr
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Die Misteldrossel flötet
ihr Morgenkonzert, die Meisen läuten den Frühling ein, und der Zaunkönig
schmettert. Dazwischen im Konzert des erwachenden Lenzmorgens lockt der
Tauber, der Vogel mit der morgenrotfarbenen Brust. In wenigen Tagen wird
die Jagdzeit auf ihn schon vorbei sein, und doch ist er in den Vorbergen
und im Hochgebirge erst angekommen. Die Verteilung von Jagd- und
Schonzeiten, die sicher einst auch einem Unbehagen entsprang, mag für das
Flachland richtig sein. Für das Bergland passt sie allemal nicht. Weiter
oben ist jetzt noch Winter, an den Hängen und Tälern beginnt gerade der
Frühling, wenn im Flachland der Lenz schon dem Frühsommer die Hand
reicht. Da ahme ich sein Rufen nach, tief aus der vollen Kehle, und dann antwortet er gleich. Immer, wenn er ruft, springe ich ihn an, zwei drei Schritte nur, genauso wie beim großen Hahn. Und dann stehe ich unter dem Baum, auf dem er sicher sitzen muss und sehe nichts, rein gar nichts, auch nicht mit dem 7x50 Fernglas. Mit ihm spähe ich rückwärts schreitend um den Baum herum. Meine Augen suchen den balzenden Tauber, aber sie finden ihn nicht. Da klatscht und poltert es wieder, und weg ist er. Nicht meinetwegen, steil steigt er hinauf zum Balzflug in die laue Luft. Wieder klatschen die Schwingen über dem Rücken zusammen, und er schwingt sich zurück auf eine der hohen Fichten und ich springe erneut an, oft noch vergebens. Wenn ich nicht genug obacht gebe, dann sieht er mich und ist schon wieder fort. Da der Tauber insgesamt häufig ist, habe ich mir wenig gedacht bei dieser Jagd, obwohl es sicher andere gibt, die nicht verstehen, dass man diesen Vogel bei der Liebe bejagt. Eine Weile höre ich nichts und schaue dem goldenen Zitronenfalter nach, der um die nicht minder goldenen Himmelschlüssel tanzt. Ich freue mich an den vielen Märzenbechern und Anemonen, die im humusreichen feuchten Untergrund besonders üppig blühen. Da leuchtet auch himmelblau und rosenrot das Lungenkraut. In dichten Dolden duftet der Seidelbast. Ich schaue der pelzigen Mooshummel nach, und dann packt mich die Passion wieder, denn der Tauber meldet sich: „Ruhgruh, ruhgruh, rugruhgruhzugru ruhgruhgruhrugruh gru”. Ich rufe ihn wieder an, und er antwortet eifersüchtig. Die Spannung wächst zwischen Ruf und Antwort. Von Stamm zu Stamm schleiche ich, solange er ruft. Ja, es ist weitaus schwieriger den Tauber mit der Waffe zu bejagen als den Auerhahn, und so galt schon lange der Tauber als Auerhahn des kleinen Mannes. Der Auerhahn hatte mich verzaubert. Ich wollte ihn gar nicht haben, sondern nur erleben, aber den Tauber will ich haben, das gestehe ich ein. Wieder und wieder verharre ich und warte, dass auf meinen Lockruf der eifersüchtige Vogel antwortet. Der Vogel mit der Brust, die ebenso leuchtet wie der Himmel unter der heraufsteigenden Sonne und mit den hellen Halbmonden am Hals. Ich erwarte kaum, dass er wieder ruft und lockt. Und er beginnt wieder zu rufen. Dann sehe ich ihn, wie er in der höchsten Spitze einer Fichte sitzt und ruft. Wie die morgenrotfarbene Brust unter dem Rufen bebt und im gleichfarbenen Licht der Morgensonne leuchtet. Ich sehe die silbernen Halbmonde das Sonnenlicht reflektieren. Im Glas sehe ich es wunderbar, aber als ich es absetze, sieht oben alles gleich aus in den Gipfeln. Ich finde ihn mit dem Zielfernrohr nicht gleich. Da bange ich doch und die Anspannung lässt das Herz klopfen bis zum Hals. Das Fadenkreuz der Bockbüchsflinte steht auf dem Vogel, und ich denke gar nicht daran, dass ich ja ein lebendes Tier im Visier habe und auf einen liebenden Vogel jage. Alles geht zu sehr ineinander über und all das Jagen, das Pirschen, das Versagen und immer wieder Anspringen lässt das Herz bumpern, dass sich es mit keinem Trophäenträger vergleichen will. Hoch hinauf ist es bis in die Spitze der himmelhohen Fichten. Hier kommt wohl auch die 20/76 mit ihrer besseren Deckung und dem engeren Schuss zu ihrem Recht. Ich spanne erst jetzt, sehe den Tauber noch rufen und lausche ihm noch zu, als der Schuss fällt. Schwer plumpst der Vogel in die gelben Himmelschlüssel, gefolgt von einer Wolke weißer Federn. Ein wundervoller Balztag ist vorbei, spannend und voller Schwierigkeiten. Ist es nun verwerflich auf einen Vogel, auf einen liebenden Vogel zu jagen, ihn zu töten? Ich habe das mit zunehmendem Alter immer seltener getan, und ich gestehe, dass der Schuss mit der Kamera, der ja noch schwieriger ist, noch mehr Spannung bringt und noch viel seltener gelingt als der Schuss mit der Waffe. An Tauben herrscht, zumindest im Flachland kein Mangel. Diese Jagd ist so voller Spannung, dass man Tausende bezahlen würde um die Tauber zu jagen, wenn sei so selten wären wie ein Auerhahn. Die Jagd auf den Tauber bringt mehr Erlebnis als die auf den noch so urig balzenden großen Hahn. |
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In der Stadt leben die Ringeltauben ohne Feinde, ohne
Habicht und Sperber. In der Stadt schaut allenfalls ein Steinmarder
vorbei, der Baummarder aber nie. Es fängt sie auch kein Wanderfalke. Es kann durchaus sein,
dass sie Winterkohlfelder so ruinieren, dass die Ernte nicht mehr lohnt.
Im Frühling auf dem Zug zupfen sie die keimende Getreidesaat heraus; und der Inhalt eines gefüllten
Kropfes kann durchaus einmal beide Hände füllen. Dennoch ist die Jagd an
den Feldern bei den Vogelschützern verpönt, weil man nicht selektiv
jagen kann. Jagd gilt nur dann als moralisch, wenn die Beute nicht nur geschossen sondern auch verwertet wird. Eine Ringeltaube wiegt ein rundes Pfund und ist eine ansehnliche Beute. Wenn sie nicht auf jeder Feder ein Auge hätte, dann wäre es einfacher eine solche verwertbare Beute alleine des Kochtopfes wegen zu jagen. An den Feldern aus dem Schwarm heraus stellt sie hohe Ansprüche an die Schiesskunst, besonders wenn nicht mit Bleimunition, sondern bleifrei geschossen wird. Dem Fasan hat die Ringeltaube eine Menge voraus. Während der Fasan eigentlich gar nicht schmeckt, ist die Ringeltaube auf dem Teller ganz hervorragend. Längst ist auch der Fasan im Schlemmer-Restaurant nicht mehr so begehrt, besonders dann nicht, wenn er mit Bleischrot gespickt ist. Darauf hat sich die Landwirtschaft längst eingestellt, und sie züchtet den Gütesiegelfasan für die Schlemmer. Denn der Gütesiegelfasan ist bleifrei und wird ebenso wie die Brathühner in Volieren, alleine für die Küche produziert. Fasane aus dem Jagdrevier sind in der Küche längst nicht mehr gefragt, und es gibt eigentlich keinen Grund Wildtiere zu Schädlingen zu machen, Greifvögel und Raubsäuger zu bekämpfen, um Fasane für die Küche liefern zu können. Ginge es, dann wäre
die Ringeltaube die Schlemmermahlzeit eher wert. Aber man kann sie gar
nicht in dieser Zahl anliefern, wie sie gebraucht würde. Denn immer wenn
man sie jagen will, haben sie gerade Schonzeit. Das wissen selbst die Schwärme
der Jungtauben ganz genau und lassen einen in der Schonzeit nahe heran, während
sie die Felder plündern. Egal, wie eine Schonzeitregel ist, passen wird sie niemals. Will man dem Jäger entgegenkommen, könnte man auf die Schonzeit verzichten, sofern er mit Disziplin jagt. Während der Brutzeit darf man eben nur Jungtauben aus größeren Schwärmen schießen oder man darf nur auf den singenden, also balzenden Tauber jagen, niemals aber auf einen nicht rufenden. Die weibliche Taube lässt wohl einmal einen Ruckser hören, aber sie balzt nicht lauthals wie der Tauber mit seiner typischen Balz-Melodie. Will man ihn anlocken, dann muss man übrigens beim Nachahmen der Rufe genau den Rhythmus einhalten, mit dem einzelnen „gru” am Ende. Mit der Kehle oder von einer CD lässt sich der Ruf besser nachahmen als mit dem Taubenlocker. Sofern man die Ringeltaube überhaupt bejagen will, werden dabei sicher keine Massenstrecken erzielt, und gemessen am Gesamtbestand spielt die Jagd sicher auch eine untergeordnete Rolle. Taubenjagd, wenn sie verantwortungsbewusst ist, wie ich es hier beschrieben habe, kann sicher spannend und reizvoll sein. Sie wäre eine der schönsten Jagdarten, die für den Jäger zum Frühling gehören wie die Patrone zur Waffe. Natürlich leben wir Menschen heute nicht mehr von der Jagd, und somit könnten wir genau betrachtet auch ohne die Jagd auf die Ringeltaube leben. Diese Jagd ist dennoch eine Art von Natur-Nutzung, genauso wie die Land- und Forstwirtschaft. Sie ist auch ein Hobby - gewiss, ein Stück Naturerlebnis inmitten des Frühlings, voller Spannung und Erlebnis. Diese Erlebnisse und diese Spannung habe ich natürlich auch ohne zu schießen, wenn ich mit der Kamera jage. Da ich früher die Ringeltaube mit der Waffe bejagt habe, findet ein Anhänger dieser Jagd bei mir Verständnis. Ich habe mich allerdings entschieden, auf den balzenden Tauber mit der Kamera zu jagen, nicht zuletzt deshalb, weil die Jagd nach dem Schuss endet, die Kamerajagd aber weitergeht. Nach dem Schuss bleibt auch keine trauernde Taube zurück, deren Tauber man erlegt hat. |