Tiere im Jahreslauf/
Ammersee: Erlebnisse mit der
Zwergrohrdommel
Von Wolfgang
Alexander Bajohr
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Mitte der Fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts war die Zwergrohrdommel bei uns zwar ein sehr heimlicher, aber noch kein seltener Vogel. Wir haben uns damals noch nichts dabei gedacht, ihren Horst zu suchen und dort zu fotografieren. Zwergrohrdommeln gab es damals in bald jedem Altwasser entlang von Ammer und Amper und außerdem in mancher verwilderten Tongrube oder an Fischteichen. Wenn wir unsere Abende dort verbrachten, um auf einen Rehbock zu lauern, dann strich die kleine Rohrdommel, die zugleich auch unsere kleinste Reiherart ist, oft niedrig über eines dieser Altwasser. Am Schilfsaum hockte sie dann und suchte nach Futter. Wenn wir draußen blieben, um in der Natur zu schlafen, hörten wir sie rufen. Es war ein dumpfes „wru, wru“. Dann geisterte sie wieder durch die Dämmerung mit weit ausgestreckten Ständern und dem nach Reiherart angezogenen Hals. Eines Abends saßen die Jungen im Schilf, in Schreckstellung und ohne sich zu rühren, und |
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nahebei standen ganz still nur wenige Meter im Schilfwald die Alten. Als ich schließlich noch, nur einen Meter vom Rand entfernt das inzwischen verlassene Nest fand, wusste ich, dass es mit dem Fotografieren für dieses Jahr wieder einmal zu spät war. Heute halte ich es für nicht mehr vertretbar, diesen inzwischen seltenen Vogel überhaupt am Nest zu fotografieren.
Dennoch will ich hier diese alte Geschichte schildern und auch mit den alten
Bildern illustrieren, die jetzt fast 50 Jahre alt sind. Aufgenommen wurden
sie mit Negativ-Farbfilm von Agfa, heute aber digital reproduziert und
nachbearbeitet. Freund Otto hatte in einem alten Fischteich den Horst der
Zwergrohrdommel gefunden. Im Schilfwald war ein unordentlicher Haufen Rohr
niedrig im Schilf und dicht über dem Wasser verankert. Sechs weiße Eier
lagen darin, etwa so groß wie die der Ringeltaube. Am 17. Juni zeigt er mir
dieses Nest, in dem schon am 19.Juni sechs niedliche ockergelbe flaumige
Junge sitzen. Sie heben die noch übergewichtigen Köpfchen, versuchen neben
dem Fremdling die Tarn- und Schreckstellung einzunehmen, und zufällig sehe
ich weiter hinten im Schilf, ebenfalls in Schreckstellung und unbeweglich
das Weibchen. Es sitzt auf einem Weidenast und geht so sehr in der Umgebung
auf, dass man schon dreimal hinsehen muss, um sie zu entdecken. |
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„Karrekarrekietkiet“ knarrt neben mir der Drosselrohrsänger. Er raschelt in den Halmen und sucht Futter. Leise wiegt sich das Schilf im Abendhauch und rot leuchtende Wolken segeln im Schein der Abendsonne über den Himmel. Da, jetzt bewegt sich die kleine Rohrdommel wieder! Mit unendlich langsamen Schritten steigt sie an den Schilfstängel ein Stück höher. Immer mehrere Halme umklammern die langen grüngelben Zehen. Wieder sitzt sie still, dreht den Kopf ein wenig zur Seite. Auf einmal stößt sie schnappend, als ob der Kopf aus einer Scheide fährt. Ich erschrecke ordentlich. Wieder stößt der Kopf vor, und dieses Mal faucht sie mich auch noch an. Dann knurrt sie mit ärgerlichem Klang „Wurr, wurr“ und schreitet mit langen Schritten im Schilfwald davon. Es dauert nicht lange, da kommt sie zurück, sitzt nochmals mit eingezogenem Kopf, steigt im Schilf höher und das ganze Spiel von Scheinangriffen und Rufen wiederholt sich. Vier- fünfmal wiederholt sich das alles. Die Blutegel haben Hunger bekommen und kriechen an meinen Beinen hoch. Die Helligkeit nimmt ab. Auf der Mattscheibe ist sehr schwierig scharf zu stellen. Ich hatte damals die Exakta-Varex. Wieder kommt die Rohrdommel zum Nest, steigt aus der Höhe der Halme herab und schiebt sich langsam über die Dunenjungen. Grell leuchtet der Blitz auf. Ich blitze mehrfach. Das gefällt ihr aber nicht dauernd, denn schließlich eilt sie davon.
Jetzt kommt mein Freund zu uns. Kaum ist er da, erscheint wieder die
Zwergrohrdommel. Ich tausche Farbe gegen Schwarzweißfilm, wieder gegen Farbe
und nochmals gegen Schwarzweiß. Mittlerweile ist es fast dunkel geworden,
aber mit erstaunlicher Sicherheit steigt die Zwergrohrdommel durch das
Schilf. Eines fällt mir auf, fotografiere ich mit der doch recht lauten
Exakta, bleibt der Vogel sitzen, nehme ich die viel leisere Retina, läuft er
jedes Mal ein Stück fort. Das liegt aber wohl daran, weil ich bei der Retina
erst von Hand den Film weiterdrehen muss, Verschluss neu spannen, und das
gefällt dem Vogel nicht. Wir schleichen hinaus und ziehen uns zurück. |
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Horst im Schilf auf ein paar umgeknickten Halmen sitzen und beginnt mit
quäkender Stimme zu schimpfen. „gigagakkikickickickickackkahgikgack
gagagaagg“. Mehrfach zetert sie. Wir beringen noch rasch die Jungen, die
sich strampelnd und hackend mit spitzen Schnäbeln wehren. Vom Geschimpfe des
Weibchens angelockt kommt jetzt auch das Männchen. Es setzt sich neben sie
und hört zu. Wir
verhalten uns still und müssen eine ganze Weile warten. Derweile beginnt es
zu dämmern. Es raschelt im Schilf, aber es ist nur ein Teichrohrsänger. Dann
schrecken wir zusammen. „Wru, wru“ ruft es neben uns. Nun steigt das
Zwergrohrdommelmännchen mit unendlich langsamen Schritten zum Horst. Und
jetzt geschieht ausgerechnet das, was ich herbeigesehnt hatte. Die Jungen
werden gefüttert. Jetzt aber versagt mein Elektronenblitz, denn das Kabel
war in das Wasser gekommen. Leider erlebten wir diese Szene nicht nochmals
und ich kann sie nur beschreiben. Erst am Samstag komme ich zurück. Die Jungen sind mächtig gewachsen. Dass sie schon eine Woche später als Ästlinge herumturnen werden, habe ich nicht geahnt. Immerhin ein einzelner Ästling ist immer nur alleine gefährdet, aber nie alle, wie bei einem Nest voller Junge. Diese Strategie beherrschen ja auch andere Vogelarten, wie z.B. alle Eulen. Die Jungen turnen auf dem Schilf und auf Ästen der Weiden. Hinausgejagt habe ich sie nicht, und aufgescheucht auch nicht, denn ich komme ja gerade erst. Auch die Jungen beherrschen schon die Pfahlstellung. Sehr schön sind sie dabei nicht anzusehen, denn die Federn drängen aus den Kielen. Eines plumpst herab von seinem Schilfhalm und fällt ins Wasser darunter, aber es klettert ruhig wieder heraus. Die eigentliche Brutzeit hat 16 Tage gedauert. Die Zeit als Ästling wird noch 1-2 Wochen dauern. Dann werden sie selbständig sein und im September schon werden sie gen Süden ziehen in einem heimlichen nächtlichen Zug. Zuerst bis Griechenland und weiter bis nach Nord- oder gar Südafrika. Die Aluminiumringe, die ich den Vögeln anlegte, werden nie gefunden. Den weiteren Schicksalsweg kennen wir nicht.
Jetzt steht das Zwergrohrdommelmännchen im Schilfwald und schaut mit seinen
bernsteingelben Augen. Versonnen möchte man meinen. Ich hatte mich an die
vertrauten Vögel gewöhnt, die den Menschen nicht fürchten. Ob es damals
richtig war sie zu stören, sie gar am Brutplatz zu fangen? Das hat ihnen
damals wahrscheinlich nicht geschadet, aber Stress war es doch und heute
würde ich es nicht mehr tun. |