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Sehr
leise und vorsichtig pirschen wir auf die Hochalm hinaus, denn verborgen
im Dickicht hinter dem Steilhang orgelt ein Hirsch. Um es genauer zu
sagen: es ist ein Rothirsch, der seine Liebes-Sehnsucht in die Berge
hinausschreit, dass es widerhallt. Um es schließlich noch genauer auszudrücken,
unterscheiden sich diese Berghirsche von den Flachlandhirschen durch einen
Zottelbart am Hals, den der Jäger "Träger" nennt, womit wir
hier gleich eines der hirschgerechten Zeichen kennen lernen. Äste brechen
und das Geweih klappert an den Zweigen, und dann zieht der Hirsch über
die Kuppe herauf. Erst erscheint nur das Geweih hinter dem Hang, und dann
erscheint Stück für Stück mehr vom Hirsch. Mit jedem seiner bedachten
Schritte geht ein Wiegen durch sein hocherhobenes Haupt. Weiße Enden
leuchten wie Kerzen über dem dunkelbraunen Geweih. Enden über Enden,
denn es ist schon ein gewaltiger Hirsch. Jedem Jäger würde das Herz höher
schlagen, doch der Forstmann sieht seine lädierten Naturverjüngungen und
die geschälten Eschen. Schon darum hätte er den Hirsch gerne
totgeschossen, und er kennt nur Schelte für den Jäger, dem er dessen
Trophäenkult vorwirft. Verhalten mit wiegendem Haupt zieht der Hirsch
weiter, wird zeitweise sehr schnell, ist aber noch immer vom Hang
teilweise verdeckt und verschwindet dann im Hochholz. Nur sein Ruf klingt
noch hallend im Wald. Ich habe den Hirsch natürlich immer wieder
fotografiert, und ich habe ihn nicht nur an einem Tag, sondern immer
wieder erwartet, so oft ich Zeit fand.
Es
ist genau genommen ein Drama mit den Hirschen. Die Natur hat vorgesehen,
dass sie in Gesellschaft von Ihresgleichen leben sollen und sich in eben
dieser Gesellschaft am wohlsten fühlen. Ist ein Hirsch oder ein Tier
alleine, fühlt es sich nicht wohl und sucht Artgenossen. Darum beginnen
diese Tiere im Wald zentrifugal zu kreisen um eben diese Gesellschaft zu
suchen. So verteilen sich Hirsche nicht nach dem Plan der
Schreibtischstrategen, als gleichmäßige Wilddichte über ein Gebiet,
sondern riesigen völlig wildleeren Räumen stehen an anderem Ort dichte
Ansammlungen dieser Tiere gegenüber. Diese Stellen muss man halt kennen
um Rotwild zu finden. Denn das Drama ist, dass niemand mehr eine
anspruchsvolle Wildart dulden will, niemand ihm einen Platz im Wald gönnen
möchte, der ja leider kein Naturwald mehr ist, sondern eben
Wirtschaftswald. So hat man rundum nicht nur die Rehe, sondern das Rotwild
gleich mit reduziert. Überstanden haben das meist wenige, in der Regel
starke Hirsche, vom Geweih her eben die besten. Sie dürfen so richtig alt
werden, aber die Sache hat einen Deubel, denn ein starkes Geweih weckt
Begehrlichkeiten auch beim Jäger. Das Drama ist nicht so sehr, dass jetzt
über Trophäenkult gespottet wird, sondern, dass die jagdlichen Sitten
verlottern, denn so ein starker Hirsch wird meist für viel Geld verkauft,
und wer etwas gelten will, der leistet sich eben einen ganz teueren.
Effekt ist, dass nicht das Jagderlebnis Hirsch zählt, denn das kann ich
ja auch mit der Kamera haben, sondern die Trophäe wird genau nach Gewicht
bewertet und in Gramm gewogen, oder sie wird nach der einst von Nadler
erfundenen Methode nach Punkten vermessen. Daraus ergibt sich dann der
Preis. Es sind wiederum vor allem Forstleute, die diese kuriose Wertschöpfung
kritisieren und als Trophäenkult schmähen.
Der
Hirsch aber kann dafür gar nichts, dass er ein Geweih trägt, das Neid
und Begehrlichkeiten weckt. Im Ernstfall würde ihm im Naturwald sein
Geweih nicht einmal etwas gegen Wölfe nutzen, zumal er es im Winter
abwirft. So ist also das Geweih starker Hirsche als Wertgegenstand
begehrt. Diese Kunden haben Priorität, denn der Hirsch bringt mancher
Forstverwaltung mehr ein als das mühsam erwirtschaftete Holz. Wenn es
darum geht das Naturerlebnis Hirschbrunft zu hören oder gar dabei zu
fotografieren, sind die Betreuer, die man Berufsjäger nennt, voll beschäftigt
sich um die Kundschaft zu kümmern, so dass keine Zeit bleibt sich um
die Wünsche von Tierfotografen zu kümmern. Je seltener der Hirsch
also wurde, desto unerreichbarer ist er heute für die Wünsche von
Tierfotografen. Zudem soll die Brunft und das doch recht scheue Rotwild
nicht gestört werden. Chancen hat allenfalls der zahlende Jagdgast, wenn
er neben der Jagd fotografieren will, doch beides zugleich schafft er
nicht, und so unterbleibt auch hier das Fotografieren der Brunft.
Wer
auf eigene Initiative handeln will, braucht eine gute Portion
Sachkenntnis. Sachkenntnis von der Jagd und über das Verhalten des
Rotwildes, das äußerst empfindlich ist. Wer sich da nicht sicher ist,
der sollte, ehe er das Rotwild stört, lieber die Finger davon lassen und
keinesfalls durch alle Dickungen kriechen, weil er fotografieren will. Auf
geringste Geräusche hin springt Rotwild ab, aber es wittert auch ganz
hervorragend, so dass der Wind immer stimmen muss und es eräugt auch die
geringste Bewegung. Meist ist es auch noch heimlich, was besonders für
die Feistzeit der Hirsche vor der Brunft gilt. Hirsche sind dann wenig
aktiv und wenn man sie zu finden weiß, durchaus dankbare Fotoobjekte. In
dieser Zeit sind sie auch noch mehr rot und nicht so grau wie schon zur
Brunft, wenn das Winterhaar langsam nachwächst.
Die
Brunft selbst wäre um so besser, je mehr Konkurrenz der Hirsch hat. Dann
schreit er mehr und vertreibt Konkurrenz im Elan. Doch sind nicht nur die
alten Herren mit dem großen Geweih interessant, sondern durchaus auch die
Söhne, die als Beihirsche warten müssen, ehe sie zum Handkuss zugelassen
werden. Sie versuchen es zwar, aber sie rangeln auch untereinander, was
ebenfalls fotogen ist. Interessant ist es auch den Vater mit verschieden
alten Söhnen auf ein Bild zu bannen oder neben den Hirschen auch das
Kahlwild zu zeigen. Das wiederum ist noch interessanter, wenn es Kälber
hat. Ein Bonbon ist gar ein spät gesetztes Kalb, das nicht normal im
Mai/Juni auf die Welt kam, sondern erst zur Zeit der Brunft. Tagsüber
legt das Tier sein Junges ab. Mutter und Kind zeigen sich beim
allerletzten Licht, und da braucht man dann schon Blende 2,8 und 1600 ASA,
damit überhaupt noch etwas geht.
Solche
Extreme, wie sie auch sonst während der Brunft auftreten, sind es, die
den Wunsch wecken, die Filmempfindlichkeit zu wechseln. Früher verwendete
ich dafür zwei Kameras, aber manche verwenden noch mehr Kameras, in denen
jeweils ein anderer Film steckt. Zwischen 100 und 1600 ASA würde man 6
Kameras brauchen. Das war auch die Herausforderung für mich, die neue
kleine Canon D 10 bei der Hirschbrunft zu testen mit ihr also am Rande der
technischen Möglichkeiten zu operieren.
Damit
entstehen Bilder, die mit der Autofocus Canon 1N nicht mehr möglich
gewesen wären, obwohl auch sie ihre Stärken hat, weil sie beim
Scharfstellen doch schneller ist. Doch eines ist sicher, in anderen Ländern
ist das Tierfotografen schon lange ein Begriff, dass nicht immer
Velvia-Wetter ist. Tiere leben immer, bei jedem Wetter und bei allen
Beleuchtungs-Verhältnissen. So kann der gleiche Hirsch unter
verschiedenen Beleuchtungen jeweils ganz anders aussehen. Rotwild wird
zwar auch zur Mittags-Stunde aktiv, weil es Hunger bekommt, aber es ist
auch immer, wenn es äst von Vorteil, dass Rotwild große Mengen Futter
aufnehmen muss und daher lange an einer Stelle verharrt. Ein Reh wäre längst
weitergezogen.
Die
Verlängerung von Brennweiten bei gleichbleibender Offenblende ist bei der
Digitalkamera ein Vorteil, der die 1,6-fache Brennweite bringt. So wird
aus dem 2,8/300 mm ein 2,8 480 mm, aus dem 2,8 70-200 mm ein 2,8 mit
132-320 mm. Das sind vor allem Gewichtsvorteile, die das 6 Kilo schwere
600 mm auf den Platz des 4.0 mit 960 mm verdrängen und es, mit Konverter
gar zu gigantischen Brennweiten verführen. Doch geht das nur noch mit
Stativ, denn das 4/600 mm ist ohnehin ein reines Ansitz-Objektiv, das zum
Ort der Handlung mit Fahrzeug transportiert werden muss. Doch lässt sich
damit auch quer über ein Tal hinweg fotografieren.
Weniger vorteilhaft bei der D 10 ist, dass sie sehr schnell auf Standby
abschaltet, denn wertvolle Zeit vergeht, bis sie sich wieder einschaltet.
So vergeht Zeit und nochmals Zeit. und nochmals vergeht weitere Zeit, um
die optimale Scharfstellung abzuwarten. Da der Prozessor offenbar langsam
ist, sind schnelle Action-Fotos ein Problem, das sich nicht lösen lässt.
Da hilft man sich mit der konventionellen 1N, die eben schneller ist.
Eines
muss ich der 10D bescheinigen, dass die Objektive erst jetzt zu ihrer
optimalen Leistung kommen, denn Qualität und Schärfe der Aufnahmen ist
überwältigend, sofern die Bewegungen nicht zu schnell waren. Wo es für
die Canon 1N zu dunkel ist, geht es mit der Canon 10D allemal. Zusätzliche
Möglichkeit mit 2 Scharfstellzonen oben und unten zu arbeiten, also z.B.
die Schärfe im Geweih des Hirsches zu justieren.
Im
Augenblick aber bleibt er unsichtbar. Ein tiefer Bass brummt unter uns im
Wald und weiter oben in den Bergen ist ein helles Schreien und Knören zu
hören. Die Hirsche ziehen aufeinander zu, aber leider bleiben sie vorerst
unsichtbar. Mal hört man das Klappern der Geweihe und wieder klingt ein
heller Schrei. Die Junghirsche nähern sich und wollen mitmischen. Wieder
zieht oberhalb der große Hirsch über den Hang. Kahlwild zieht herauf und
umsteht den alten Herren, auch ein Spießer vom 1. Kopf ist dabei. Wir
pirschen abwärts und kommen zu der kleinen Felskanzel, die den Wald überragt.
Oben auf dem Fels ist ein höchst komfortabler Ansitz. Von dort sehen wir
auf den Gegenhang und über das ganze Tal. Da die Kamera den Hintergrund
nicht mit abbildet, sondern unscharf wiedergibt, hebt sich das Geweih sehr
plastisch vor dem Mimikry ab. Die
übermütigen Junghirsche hakeln sich gegenseitig mit dem Geweih. Einen
Augenblick später steht der alte für einen Moment genau dort, wo sie
eben noch standen. Aber er zieht nicht über den Buckel, und die Läufe
bleiben unsichtbar. Ein Strahl Sonne lässt den alten Hirsch kurz
aufleuchten. Auch der unscharfe Hintergrund wird noch bunter. Er kommt
auch nicht noch näher, sondern misstraut mir offenbar trotz der Tarnung.
Es
war nur ein Augenblick, aber er war lang genug für eine einmalige
Aufnahme von diesem gewaltigen Hirsch. Kurz hat er im Dunkel im letzten
Sonnenstrahl aufgeglüht. Zurück bleibt ein Schemen der im Dunkel
untertaucht, zurück bleibt aber auch die Erinnerung, die ebenso vergehen
würde, wie der Hirsch in der Dämmerung verschwand, wenn ich ihn nicht
mit der Kamera für alle Zeiten festgehalten hätte.
Wolfgang
Alexander Bajohr |
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Rothirsch mit
Söhnen

Rothirsch, 22Ender

Rothirsch röhrt

Rothirsch röhrt

Rothirsch nach Suhle

Rothirsch, 22Ender

Bambi säugt

Rottier mit Kalb

Bambi fragt Vater

Rottier
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