Im Jahreslauf: Die Feldspitzmaus, blutrünstig
wie ein Säbelzahntiger
von Wolfgang Alexander Bajohr
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Wildsauerkirschen, Eichen und Traubenkirschen, Ulmen und
Zitterpappeln, Holzbirne und Holzapfel, und noch vielen anderen Gehölzarten,
die sich zu einem solchen Lebensraum vereinen. Ort der Handlung könnte aber
genauso gut ein alter Bauerngarten sein, mit seinem Reisighaufen
im Eck und
ebenfalls mit Steinhaufen. Weil es hier Deckung gibt und Nahrung, ist das ein Lebensraum, in dem es von Arten wimmelt. Allerhand Getier ist unterwegs, Schnecken und Asseln, Spinnen und Käfer, Mäuse und Vögel, Igel und Wiesel. In den Baumhöhlen verbirgt sich den ganzen Sommer lang der Steinmarder tagsüber. Füchse verschlafen den Tag zusammengerollt in der Sonne, und Dachse graben sich eine Fluchtröhre. Schon immer haben in dieser alten Hecke alle beisammen gelebt. Diejenigen, die gefressen werden und andere, die sie fressen. Der Mensch nennt sie meist Räuber, aber sie wissen gar nicht was Eigentum ist, und so rauben sie auch nicht, sondern sie reißen um zu leben. Eines dieser reißenden Wildtiere ist weit blutrünstiger und wilder als alle anderen und dazu auch noch unersättlich. Wäre es groß wie ein Wolf, wäre es eine Bestie wie der Säbelzahntiger, und es würde die ganze Menschheit auffressen, so unersättlich und grausam reißt es seine Beute. Die Menschen würden es rund um die Uhr verfolgen und ausrotten wie Bär, Wolf und Luchs, die doch weit harmloser gewesen sind. Warum nur hat er das mit diesem Tier nicht getan, das doch ein weit grimmigerer Räuber ist als sie alle? Ein wahres Glück, dass es nicht Löwengröße hat, denn sobald es die Erde entvölkert hätte, würde es verhungern. Selbst Seinesgleichen fällt es im wütenden Kampf an, wenn nicht gerade Hochzeit ist. Wie Bulldoggen verbeißen sich die Tiere dann in wahrer Wut ineinander, bekämpfen sich solange nicht einer flieht, und fressen den besiegten Artgenossen gleich und so total auf, dass nur noch Kopf und Pelz übrig bleiben. Weil sie das wissen, leben sie auch außerhalb der Paarungszeit wie Einsiedler und sind untereinander so ungesellig wie die großen braunen Bären. |
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Auf dem Weißdorn sitzt eine Goldammer und singt ohne Unterlass ihr eintöniges Liedchen: „Oh, wie hab' ich Dich doch lieeeeb." Die Liebste aber sitzt gut getarnt im Muldennest nahe dem Boden im Schwarzdorn in der Hecke. Sie wärmt ihre gerade erst geschlüpften Jungen. Als ein braunes Plüschtier mit spitzer schnüffelnder Nase possierlich über die Zweige zu ihr heraufklettert, sträubt sie erregt das gelbe Häubchen, zuckt aufgeregt mit dem Schwanz und fährt dann doch mit zeterndem Warnen heraus. Aber die ganze Schreierei nutzt wenig, denn die Spitzmaus schnüffelt die nackten Jungen mit ihrem Rüssel ab, sucht sich das Leckerste heraus und schleppt es davon, um es am Boden in wenigen Augenblicken zu verzehren. Die Goldammerfamilie kann schon von Glück sagen, dass sie nicht das ganze Nest leert, sondern nur ein Junges entführt hat. Kaum hat sie es verzehrt, fasst sie schon wieder bei einem Laufkäfer zu, der selbst ein Räuber ist, und dem helfen weder seine scharfen Zangen, noch der ätzende Mundsaft, denn in wenigen Augenblicken ist auch diese Malzeit zu Ende und sie holt sich aus den Büschen eine dicke glatte Schwärmerraupe. Ein Regenwurm, der des Weges kriecht, hat, obwohl er dick und rund ist, nicht ihre Zustimmung. Denn sie schüttelt sich b1itzesschnell und prustet dazu. Sie packt ihn nochmals und prustet und schüttelt sich wieder blitzesschnell, als sei er besonders eklig. Vielleicht stechen seine scharfen Borsten sie im Mund. |
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Die Hochzeit geht mit einer wütenden Balgerei und Gezwitscher einher und beginnt im zeitigen Frühjahr im März. Im April schon werden die 3-9 Jungen nach 31 Tagen Tragzeit geboren und 26 Tage gesäugt. Mit 40 Tagen sind sie erwachsen und müssen ihre eigenen Wege gehen, denn sie werden noch im gleichen Jahr geschlechtsreif. Deshalb sind sie im Revier der Mutter unerwünscht. Bei der Geburt sind sie noch rosig und haben die Augen geschlossen. In guten Jahren mit viel Nahrungsangebot können es bis zu 4 Würfe im Jahr werden. Stört sie jemand in ihrem Versteck, dann zieht die Familie um und sucht sich einen neuen Bau. Dabei wurden sie zuweilen beobachtet, wenn sie eine Karawane bilden. Die Jungen halten sich mit ihren Zähnchen am Schwanz der Mutter fest und die Geschwister an dem des jeweils vorherigen Jungtiers. Diese Perlenkette wandert dann in die neue Wohnung, und das ist meist eine unterirdische Höhle. Anfangs säugt die Mutter ihre Jungen mit großer Zärtlichkeit, bis die Liebe erkaltet und sie hinausgejagt werden ins feindliche Leben. Schon in der Jugend verstehen sie unter jedem anderen Lebewesen nichts anderes als nur Fleisch, das man essen kann und sei es auch der Kadaver eines Geschwisterchens. Solange die Familie noch beisammen lebt, ist das ein Gekribbel und Gekrabbel und Gezwitscher, beim Amphibientümpel aber auch ein Geplumpse und Geplantsche. Schwimmen können sie gleich sehr flott, und im Wasser sind sie nicht weniger geschickt als auf dem Lande, wenn auch nicht so sehr der Flut angepasst wie ihr Verwandter die Wasserspitzmaus. Sie klettern mit ihren zierlichen Pfötchen und scharfen Krallen geschickt wie ein Eichhörnchen an der rauen Rinde jedes Baumes und Strauches hoch, um ihr Jagdrevier in das Geäst oder die Baumkrone auszuweiten. Nicht minder geschickt krabbeln sie wieder herunter ohne abzustürzen. Sie springen auch nach der großen grünen Heuschrecke und plumpsen mit der Beute herab, ohne dass ihnen der Sturz etwas ausmacht. |
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Dem Ökologen widerstrebt es in der Regel,
menschliche Wertmaßstäbe und Zensuren bei Tieren zu verwenden, um sie als
nützlich oder schädlich anzusehen. Gemessen an der totalen chemischen
Kriegsführung gegen die Natur ist aber wohl doch die Spitzmaus eine der
nützlicheren Alternativen. Der Mensch kann sich bei der kleinen Bestie nur
bedanken, denn sie ist jedenfalls eines der wichtigsten Glieder im
Ökosystem, das biologisches Gleichgewicht garantiert. Einen Garten ohne
Spitzmäuse sollte es eigentlich überhaupt nicht geben. Wenn man sie
ansiedeln will, braucht man mindestens einen Reisighaufen und natürlich eine
Hecke und auch sonst ein wenig gepflegte Unordnung, zu der natürlich Mut
gehört. Ein stilles Eckchen sollte auch irgendwo sein. Bei uns jedenfalls
ruht die Spitzmaus dort gerne tagsüber in der wärmenden Sonne, hält Siesta
und bereitet sich auf den Stress nächtlicher Jagden vor. Ausgesetzt haben
wir sie nicht. Sie ist von selber gekommen, und geblieben ist sie, weil es
ihr hier in dem naturnahen Garten gefallen hat. In der Feldflur könnte es viel häufiger Spitzmäuse geben, wenn Steinhaufen und Reisighaufen als Überlebensinseln ihr Nahrung und Deckung auch dann noch geben, wenn die Ernte eingefahren wurde. In der reinen Agrarwüste ohne brachliegende Ackerrandstreifen und Hecken stirbt sie aus. Wo aber die Spitzmaus nicht mehr leben kann, da ist auch die Jagd des Jägers zu Ende. Denn das bedeutet zugleich die Ausrottung von Feldlerche und Rebhuhn, Hase und Fasan. Deren Nöte dem Fuchs anzulasten ist etwas zu simpel. Was für eine Kulturlandschaft ist das nur, in der auch das Kulturerbe Spitzmaus nicht mehr überlebt. Daran trifft den Fuchs so wenig die Schuld, wie Marder und Hermelin. Sie alle und auch die Spitzmaus sind Kulturerben, und jeder könnte ihr helfen. Jeder auf seinem Acker, zumindest aber im eigenen Garten, wo wir Überlebensinseln schaffen, von denen auch viele andere Pflanzen und Tiere profitieren. |