Im Jahreslauf: Ein Leben in Gischt
und Wellen, Wasseramseln leben an der Würm
von Wolfgang Alexander Bajohr
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Vor hundert Jahren waren
auch noch die Fischer neidisch auf die Wasseramsel, denn sie glaubten, dass
der Vogel Fischbrut isst. Mittlerweile aber zählt sie für den Angler zum
Naturerlebnis Fischwasser. Die Fischer sind besser ausgebildet, und jeder
Fischfreund weiß zudem, dass sie gar keine Fische mag, sondern Kerbtiere:
Käfer und Köcherfliegenlarven, Libellenlarven, Eintagsfliegen, Wasserwanzen,
kleine Mollusken, Kleinkrebsarten, Würmer und Kaulquappen. |
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Innen aber polstern sie weich mit Haaren und Federn. Nach gut 2 Wochen schlüpfen dann die Jungen aus den 4-6 weißen Eiern. Wasseramselweibchen brüten bombenfest und lassen sich fast nie aufstören. Auch sonst sind sie gegenüber den Menschen sehr vertrauensselig. Wenn sonntags Hunderte vom Parkplatz zur Wanderung starten, bemerkt kaum jemand das schmucke vertraute Vögelchen zu seinen Füssen. Ganz bewusst aber erlebt ihn nur der Fischer, wenn der kleine Kollege gleich nebenan auf dem Felsbrocken knickst und sich immer wieder kopfüber in die Flut stürzt. Für einen überzeugten Fischer ist sie ein Teil des heilen Ökosystems Bachlauf. Ohne das bezaubernde Vögelchen wären doch viele seiner Erlebnisse am Fischwasser nur unvollkommen und leer. Ihr Reich ist dort, wo der Bach, munter geworden, über die Gefällstrecke rauscht und über den Kies sprudelt, einem Findling ausweicht und sich in vielen Armen um kleine Inseln schlingt, auf denen einsame Eichen, Buchen und Schwarzerlen ihm mit ihrem Wurzelwerk trotzen. Mal stehen sie einzeln, aber zuweilen drängen sie sich auf den kleinen Inseln im Naturbach. Manchmal schafft es der Bach dennoch, sie zu fällen. Die Flut unterspült den Wurzelballen und wirft den alten Baum in das Flachwasser. Der Bach gräbt sich auch einmal einen neuen Arm und schafft so wiederum kleine Inseln. Er lagert auch aus Ästen Barrieren an und schüttet dann einen Arm wieder zu. Angespültes Laub wird zum Schlick, Sand und Kies lagern sich an. In flachen Gumpen neben dem Bach laichen Springfrösche, und am flachen Ufer unter dürrem Laub finden auch Waldvögel und die weißen und gelben Bachstelzen so mancherlei Futter. Weiße und gelbe Anemonen blühen, blaue Leberblümchen und violetter Lerchensporn, blaues Lungenkraut und Haselwurz schmücken den Wald gerade zu der Zeit, in der ich die Wasseramsel an ihrer Jagdwarte belauschen möchte. Diese Warte kann zuweilen ein Felsbrocken im Wasser sein, ein angetriebener Ast oder auch ein vermodernder Baumstumpf. |
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ein Kork, taucht gegen die Strömung ab und läuft wohl jetzt, mit den Flügeln abwärts steuernd und im Wasser rudernd, auf dem Grund gegen die Strömung dahin und räumt die Kiessteinchen an die Seite, um einen Schnabel voller Beute während der Tauchzeit von 10-30 Sekunden am Bachgrund aufzulesen. Dann schießt der Vogel, plopp wie ein Kork an die Oberfläche, und sein Auftauchen geht nahtlos in pfeilschnellen sehr zielgerichteten Flug über, ganz knapp über dem Wasserspiegel. Er eilt zu einem der Brutkästen, von denen ich weiß, dass sie alle besetzt sind. Die Wasseramsel ist an die Würm zurückgekehrt, aber nicht etwa vom Vogelzug aus dem Süden, denn sie war den ganzen Winter über hier. Sie hat den Landkreis wiederbesiedelt, sobald das Wasser halbwegs geklärt war und sie auch wieder Nistplätze in den Brutkästen der Vogelschützer gefunden hat. An Fischer und Wanderer, ja sogar an die vielen Menschen an den Wochenenden, hat sich sie gewöhnt. So bin ich zuweilen ganz gut ohne Tarnung mit der Kamera herangekommen, wenn sie mal auf einem Stein oder Baumstamm, mal auf einem Zweig oder Stein im Wasser rastet. Schläfrig klappert sie dann mit den weißen Augendeckeln und knickst. Unter den Singvögeln ist die Wasseramsel der einzige Vogel, der optimal an das Leben im Wasser angepasst ist. Er hat nicht Luft in den Knochen wie die übrigen Vögel, sondern Mark, damit der Auftrieb geringer ist. Dennoch, bei einem spezifischen Gewicht von 0,6 bis 0,8 ist der Vogel immer noch leichter als Wasser und kann daher nicht ertrinken. Wie ich sehr oft beobachtet habe, schnellt er beim Auftauchen wie ein Kork an die Oberfläche, lässt sich ein Stück weit dahin treiben, um dann ganz zielbewusst auf seine Warte oder senkrecht zum Nest hochzufliegen. Manchmal liest er auch im Tiefflug, wie ein Grauschnäpper, im Wasser treibende Schmetterlinge heraus oder fängt sie im Zickzackflug aus der Luft. Meist aber schwimmt er unter Wasser. Wenn er vor mir auf einem Stein sitzt, trippelt er einige Schrittchen hinein und hält erst den Kopf unter Wasser, um wie ein Strandläufer den Kies zu durchwühlen und zu untersuchen. Dann aber strebt er, zunächst laufend, in die Tiefe zum Grund des Baches. Zuweilen habe ich den Eindruck, dass er es gar nicht so leicht hat, überhaupt unter Wasser und auf den Grund zu kommen. Er rennt geradezu gegen die Strömung vom Ufer her auf den Grund hinunter, stellt die Flügel schräg ab und lässt sich vom vorbei streichenden Wasser gegen den Grund hin drücken. |
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Das setzt eine optimale Anpassung voraus. Ihr sehr dichtes Gefieder hat sie gut eingefettet, es wird nicht nass. Zu dem Zweck hat sie eine Bürzeldrüse. Ihre Nasenöffnung kann sie verschließen, ihre Füße und Zehen sind als Schutz vor Geröll mit Hornplatten armiert. Immer, wenn ich meine, dass die sehr starke Strömung sie abgetrieben hat, taucht sie plopp, vor der Brücke wieder auf und fliegt zum Nest steil hoch. Nach dem Füttern ihrer Jungen schwirrt sie in schnellem zielgerichtetem Flug flach über dem Wasser stromaufwärts oder bachabwärts wieder davon. Wenn ich Glück habe, benutzt sie zwischendrin ihre Ansitzwarte neben meinem Versteckzelt, das mitten im Wasser in einem Seitenarm steht. Weder das Zelt, noch mein Blitzen stört sie im Geringsten. Manchmal ruht sie einen Augenblick, doch niemals lange. Sie knickst einige Male, schmettert einen Triller des schon erwähnten Plätscherliedchens und stürzt sich schon wieder in die gurgelnden Fluten. Als sie herauskommt, schwirrt sie auf mein Teleobjektiv. Sie sitzt tatsächlich auf dem Objektiv, kaum 10 cm von meinem Gesicht entfernt. Dort ruht sie eine Weile aus. Das Weibchen brütet ganz alleine 16 lange Tage und wird vom Männchen mit Futter versorgt. Sind die Jungen erst einmal geschlüpft, füttern beide Eltern drei Wochen lang. Zwischen dem Morgen und dem Mittag machen sie eine Stunde Pause, und am Nachmittag noch zwei Pausen. In diesen Fütterungspausen sitzen sie dicht nebeneinander irgendwo am Ufer. Er singt, und sie pflegt ihr Gefieder. Zuweilen baden auch beide plätschernd nebeneinander irgendwo nahe dem Ufer im Flachwasser. Futter finden sie in Hülle und Fülle, und ich verbringe viele Stunden damit, der Wasseramsel am Bach zuzuschauen. Das ist allemal ein kurzweiliges Erlebnis. Auch dann, wenn ich nicht fotografieren kann, weil die Vögel entweder zu weit weg oder zu nahe bei mir sind. In nicht einem einzigen Fall habe ich sie ein Fischchen erbeuten sehen. Wenn sie zuweilen nur 1 m vor mir knickst wie ein Rotkehlchen, erkenne ich klar, dass sie gar nicht so schwarz ist, wie sie sonst zu sein scheint. Das Köpfchen ist mehr kaffeebraun, vor allem beim Weibchen noch brauner. Brust und Kehle sind rein weiß. Flügel und Rückengefieder schimmern je nach Einfall des Lichtes zwischen grau und braun, aber auch bläulich und grünlich. Jede Federkante der Flügel ist braun gesäumt. Mal treibt sie vorbei, hilflos wirkend wie ein ins Wasser gefallenes Küken, und schon huscht sie auf die Warte. Dann wieder zischt sie zielstrebig wie ein Eisvogel im raschen Schwirrflug zum Nest. |
| Denn das Weibchen ist kleiner
und brauner, aber das erkenne ich nur, wenn sie nebeneinander sind. Sie
trägt ein braunes Buchenblatt und das Männchen umwirbt sie. Sie hält ihr
Blatt fest, und es kommt zur Kopulation. Auch das passiert natürlich wieder
viel zu nahe am Versteck, zu nahe für die Kamera. Dann schnappt sich auch
das Männchen ein Blatt, das es aus dem Wasser zieht, und beide brausen unter
die Brücke. Dort ist beiderseits des mittleren Betonbalkens ein Nistkasten
angebracht, von denen wohl einer für die Bachstelzen gedacht war. In einem
der beiden Kästen füttert ein Wasseramselpaar seine Jungen, und im zweiten
Kasten, nur einen halben Meter entfernt, baut das zweite Wasseramselpaar ein
Nest. Hätte ich nicht gleichzeitig die vier Vögel gesehen, hätte ich mir
nicht die Mühe gemacht, das nachzuprüfen. Fotografieren lässt sich unter dem
niedrigen Brückendurchlass nicht. Ich bin froh, dass ich einige Bilder mit
dem Blatt aufnehmen kann. Seit Jahrzehnten schreiben alle, die über Wasseramseln berichten, voneinander ab. Stets heißt es dort, dass ein Wasseramsel-Paar eine Bachstrecke von 1 - 2 km beansprucht und dass erst anschließend ein neues Revier beginnt. Das stimmt also nicht, und mit der Reviergröße kann es auch nicht stimmen, denn wir haben an der Würm auf 2 km Bachstrecke ganz zweifelsfrei 5 Wasseramselpaare mit Jungen. |
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Es erklärt auch das Verhalten der Vögel untereinander. Solange es Nahrung im Überfluss gibt, müssen die Vögel nicht aggressiv sein und ihr Revier verteidigen. Aber auch ohne diese Umstände habe ich sie im Hochgebirge niemals so hartnäckig um ein Revier kämpfen sehen, wie man es bei Rotkehlchen kennt. Unruhe ins Revier bringt nur der 1. Mai, wenn alle Mitglieder des Fischereivereins in ihren Wathosen gleichzeitig überall im Wasser stehen. Ihre Vielzahl stört die Vögel schon, weil sie nirgends mehr ausweichen können. Wenn die Fischer gelegentlich hier oder dort auftauchen und es dazwischen Freiflächen gibt, stört das die Vögel gar nicht. Am Anfischtag sind auch der Vogel Wippsteert, die gelbe Gebirgsstelze und auch die Weiße Bachstelze beunruhigt, obwohl die den Menschen sonst auch nicht fürchten. Jetzt müssen sie ihren Lieblingsplatz widerwillig vor der kräftigeren Wasseramsel räumen. Die Gischt umschlungenen Steine sind bei hohem Wasserstand rar und daher von allen begehrt. Jetzt knickst dort wieder eine Wasseramsel, stochert zwischen dem Wassermoos und liest ein Kerbtier ab. Sie hält es im Schnabel und trillert dazu. Sie knickst wieder, und die tiefer sinkende Sonne zaubert einen goldenen Hauch auf das muntere Kerlchen. Einzelne wenige Wasserperlen im Gefieder blitzen im Streiflicht wie Diamanten. Dann plumpst die Wasseramsel zum nächsten Tauchgang wieder in die Flut, dass es aufspritzt. Fort ist das anmutige Vögelchen. Bald werden aus den ersten Nestern die Jungen ausfliegen. Weil sie aber eben das noch nicht so richtig können, plumpsen sie gleich in die Flut. Denn das Schwimmen und Tauchen beherrschen sie vom ersten Augenblick an ganz perfekt, viel besser als das Fliegen. So ist aus mancher Landschaft die Wasseramsel verschwunden, als aus dem Bach ein Graben und aus dem klaren Wasser eine Kloake wurde. An der Würm bei uns ist es mit der Wasseramsel, diesem Vogel von der roten Liste, ständig aufwärts gegangen, denn nirgends in Europa habe ich irgendwo eine so hohe Brutdichte gefunden wie hier an der Würm. |