Eulen:
Waldkäuze fürchten Menschen nicht
Nach
der langen Nacht lässt er sich im Nymphenburger Park beim Sonnenbad von keinem
stören
von Wolfgang Alexander Bajohr
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Als ich noch in Nymphenburg wohnte, habe ich den Käuzen nebenan auf dem Schornstein vom Badezimmer zugesehen, wenn sie ihre Jungen gefüttert haben. Alle meine Kauzfotos entstanden dort im Park. Manche Menschen fürchten sich, wenn in dunkler Nacht der Waldkauz ruft: "Kuwitt, kuwitt." Wer der Natur entwöhnt und abergläubisch ist, hat seinen Ruf anders gedeutet: "Komm mit, komm mit", und hat das Käuzchen zum Todesvogel gemacht, der Sterbefälle ankündigt. Erst als man umgedeutet hat, was Naturgöttern einst lieb und wertvoll war, wurde unholdes Greuelgetier daraus. Einst war der Waldkauz den Dorfleuten heilig. Denn er hauste in der alten Linde, war Friggas Lieblingsvogel und auch in Wotans Eiche gern gesehener Gast. |
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Kein Tier wird bei allen Völkern der Welt so vielfältig in Kunst und Mythologie dargestellt wie die Eulen. Häufig ist der Waldkauz das Vorbild. Das Seeholz am Ammersee mit seinen mächtigen uralten Eichenbäumen ist voller Höhlen, in denen der Kauz wohnt. Hier ist schon im ausgehenden Winter der Waldkauz ein Künder des Frühlings. In manche der alten Bäume zimmert der Schwarzspecht seine Höhle. Doch für den Kauz passt sie erst, wenn sie zusätzlich etwas ausgefault ist. Immerhin ist ein Waldkauz fast so groß wie ein Bussard. Es sind nicht die vielen Singvögel, die hier als erste den Lenz begrüßen, sondern der Kauz ist es. Schon im Herbst grenzt er sein Revier heulend ab. Er heult auch im Winter, wenn es ihn friert, und da sucht er auch schon seine Wohnung aus, denn überall, wo Wind und Schneelast die mächtigen mannstarken Äste von den Stämmen herunter gebrochen haben, faulen die Bruchstellen aus. Er findet hier Höhlen genug und wählt jedes Jahr die schönste. Immer, wenn ein morscher Urwaldriese dahinsinkt und am Waldboden zerschellt, findet auch Sonne den Weg dorthin, und die Moderverjüngung lässt neuen Wald keimen. Bis der soweit ist, tummeln sich die Mäuse in warmer Sonne in den Waldlücken. Davon wiederum profitiert der Kauz. Diese braune pummelige Plüscheule hat ihre eigene Art, den Lenz zu besingen. Sie beginnt mit einem hellen Juchzer "Huh". Sie wandelt das "Huh" ab zu einem ganz wilden Jauchzen, das in wehleidiges Gewimmer übergeht, und sie wandelt es dann zu einem Hohngelächter. Irgendwo aus dem Dunkel, von droben herab und weit hinten im Wald antwortet ihm ein "Kuwitt, kuwitt". Das ist der Stimmfühlungslaut seines Weibchens. Begeistert, dass er sie hört, ruft er zurück, auch seinerseits mit dem Stimmfühlungslaut "Kuwitt, kuwitt". Dann jagt er wieder heulend und jauchzend durch den finsteren Wald. Die breiten runden Schwingen verleihen ihm die Fähigkeit, auch im Zickzack-Kurs selbst durch die eng stehenden Stämme im Stangenholz zu kurven. |
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Ich liebe den Hochzeitsgesang der Eulen und höre ihn im Vorfrühling fast täglich im finsteren Wald. Da stöhnt wohl auch einmal die Waldohreule, aber wirklich stimmfreudig ist nur der Waldkauz. Er weiß, dass die Schneeflecken dahin schmelzen und der Winter zu Ende geht. Darum beginnt er zeitig mit seinem Liebeslied. "Huh, huhhhh," und dann wie ein schauriges Gelächter mit einem Triller "Huhuhuhuhuhuhuhuhuhuhu", lachend und jauchzend wie vor Lebensfreude. Im Schlosspark von Leutstetten, hier bei uns in Geisenbrunn und auch im Seeholz am Ammersee ruft er oft bei Tage und lässt sich mit dem Ruf auch herbeilocken. Die Dämmerung, als Bote der Finsternis verwandelt den Wald. Alles Leben wird still oder unsichtbar. Jeder Ast und Baum verschwimmt zu geisterhaften Schemen. Nur weil am westlichen Himmel hohe Wolkenreste noch im letzten Licht erstrahlen, lässt reflektiertes Streulicht noch die Konturen ahnen. |
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Jetzt fliegt aber der eben beobachtete Vogel mit seiner Maus auf einen Ast und schlingt sie im ganzen herunter. Aber nicht lange sitzt er dort, denn es schwebt ein Schatten heran und stößt ihn vom Ast. Aber das ist kein Feind, sondern das ist er, der verliebte Kauz und fast 1/3 kleiner als sie. Und sie ist ihm auch nicht gram über den Rempler, denn er hat als Begrüßung etwas mitgebracht, als Beweis, dass er eine Familie versorgen kann: eine Maus, die er ihr als Geschenk reicht, und die sie auch gleich verschlingt. Beide treiben es jetzt knappend, trillernd und leise sanft "uwip" quiekend und dann im Chor und laut "kjuwick, kjuwick". Dann aber rasen beide auf lautlosen Schwingen durch den finsteren Eichenwald, unsichtbar, aber es bellt, heult und quietscht. Sie quietschen und heulen, lachen und trillern ja nur darum, weil sie verliebt sind und den Frühling einsingen. Die Käuze hocken an ihrem Lieblingsplatz vor der Baumhöhle. Dort sammeln sich bald die Gewölle. Das Innere aber polstern sie mit zerknabbertem Gewölle aus. |
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Zwar sind Eulen überall geschützt, aber das genügt nicht, denn sie brauchen ja auch Nistmöglichkeiten. Darum bietet der Landesbund für Vogelschutz in seiner Geschäftsstelle Bruthöhlen mit 8,5 cm großem Einflugloch für Waldkäuze an. Wer einen sehr großen Garten hat und Spaß an der Eule hat, kann die Spezialkästen dort beziehen. Seine häufigsten Todesursachen sind nicht Alter oder Fressfeinde, sondern Unfälle im Straßenverkehr und mit der Bundesbahn. Nachts kann er auch die Stromleitungen nicht erkennen und bricht sich die Flügel. Er stürzt auch in finstere Kaminschächte und Entlüftungskamine, und hohe Verluste sind auch nach Mäusebekämpfung mit Gift bekannt geworden. Waldkäuze sind sehr anpassungsfähig und wissen als Standvögel auch im Winter Nahrung zu finden. Ihre mittlere Lebenserwartung liegt im ersten Jahr bei 2,6 Jahren, im 2. und 3. Lebensjahr bei je 3,6 Jahren. Bei einem Ringfund ist ein Höchstalter von 18 Jahren und 7 Monaten bekannt geworden. In Gefangenschaft wurden sie schon über 27 Jahre alt. Darum können sie es sich auch leisten, relativ wenige Junge aufzuziehen. |
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