Eulen: Der Steinkauz
Von Wolfgang Alexander Bajohr
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Uhlenflucht |
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Erst wenn es dunkel ist, kommt er heraus. Eine Stunde nach Sonnenuntergang werden die Eulen den Tag schläfrig aus ihrem Gefieder schütteln. Der Waldkauz steht oft als erster auf und wird daher noch von einer Schar Tagvögel beschimpft, weil er in ihrer Nähe erwacht ist. In einem dunklen Loch des abgestorbenen Obstbaumes aber schaut ein rundes Gesicht heraus, mit kugelrunden gelblichen Augen und einer kohlschwarzen Pupille. Es ist ein Steinkauz, der hier sein Revier hat. |
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Leider geht es mit den Steinkauzbeständen in Mitteleuropa seit Jahrzehnten abwärts. Zu groß ist die Zerstörung des Lebensraumes durch die Intensivierung der Landwirtschaft. Versteck- und Ruheplätze in Gebäuden schwinden ebenso wie die Streuobstanlagen in den Bauerngärten, die voller Höhlen waren. Zum Jagen aber braucht er Flächen mit vielen Mäusen in niedriger Vegetation, eben Dauerweiden. Er braucht die Einlagerung des Getreides in Scheunen bis zum Dreschen, weil das einst Mäuse in Hülle und Fülle bescherte, aber das ist alles nicht mehr da. Wirklich häufig ist er nur noch am Niederrhein mit den zahllosen Höhlen in den Kopfweiden und offenem Gelände rundum. Versuche der Wiederansiedlung durch Albert Soyer aus Buchendorf haben sehr viel Mühe und Zeit gekostet, aber da rundum das Biotop nicht mehr stimmte, und ein Einfluss darauf vergebliche Liebesmüh gewesen ist, musste der Erfolg ausbleiben. |
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Legebeginn ist Mitte April, wobei nur das Weibchen brütet und vom Männchen versorgt wird. Gelegegröße 3 bis selten 7 Eier. Legeabstand 2 Tage, bebrütet wird ab vorletztem Ei 24-28 Tage, so dass die Jungen im Gegensatz zu anderen Eulenarten alle gleich groß sind. Das Jugendkleid ist plüschig, Nestlings-Dauer 30-35 Tage. Als Ästlinge klettern sie frühestens nach 22-24 Tagen umher. Von den Eltern werden sie noch 5 Wochen versorgt. |
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Er plustert sich bis zur Kugelform, kratzt sich rundum, reibt das Kopfgefieder am Flügelbug und knabbert den Flügel genüsslich durch. Auch untereinander zeigen sie soziale Gefiederpflege und kuscheln sich gerne zusammen. Ihre Bewegungen sind sonst eher ruckartig und ungestüm. Vor allem tagsüber auf der Jagd nach Regenwürmern und großen Insekten trippeln sie in kurzen Sprüngen und eigenartigen Hoppelsprüngen gerne bei der Futtersuche in der Vegetation herum. Bevor sie zum Angriffsflug starten, trampeln sie erregt auf dem Boden und fliegen dann ruckhaft ganz rasant auf, um im Sturmangriff eine Beute einfach zu überrennen. Über kurze Strecken fliegen sie beim Beuteangriff sehr rasant und in gestrecktem Flug. Nur wenn sie längere Strecken überwinden, fliegen sie wellenartig. Um vor Fressfeinden in Deckung zu gehen, schießen sie aus dem Flug pfeilartig und mit angelegten Schwingen in eine Höhle hinein. |
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Bei uns ist seine bevorzugt Beute die Maus. 94 % seiner Beute unter den Kleinsäugern sind Mäuse, darunter 55 % Wühlmäuse, 20 % Spitzmäuse und 16 % Wald- und Gelbhalsmäuse, die doch wachsamer, ausschließlich nachtaktiv und nicht ganz so häufig zu erbeuten sind wie die tagaktiven Wühlmausarten. Neben
der Jagd bei hellem Sonnenschein beginnt die Jagd auf Mäuse in der Dämmerung
abends und dann wieder morgens. Während der ganz dunklen Stunden ist meist
Ruhezeit,
ähnlich wie auch bei anderen Eulenarten, oder die Eulen
singen. Ihr Jagdangriff in der Dämmerung ist ebenfalls bemerkenswert. Auch
dann leiten sie leise trampelnd den Abflug zur Jagd ein. Sie orten bei
rasantem Anflug ihre Beute allein mit den Ohren, egal ob die Maus nun in der
Vegetation oder unter Schnee verborgen ist. Der Steinkauz ortet die Maus in
Deckung oder Schnee zielsicher und greift zu, auch wenn nichts von der Beute
zu sehen ist. Falls die Beute sich herauswindet und davon springt, rennt der
Steinkauz hoppelnd hinterher und greift nochmals zu, jedenfalls selten von
den Augen geleitet, sondern alleine von den Ohren. Bei der Bodenjagd nutzt
er die Flügel nicht für den Angriff, sondern um balancierend das
Gleichgewicht zu halten. |
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Sie singen zur Balz im Frühling und im Herbst zur Abgrenzung ihres Reviers gegenüber Nachbareulen. Dabei wird der Reviergesang des Männchens durch okarina-artige flötend klingende „Guhk“-Rufe aneinandergereiht. Beim Singen sitzt das Männchen auf einer erhöhten Warte, und wenn das Weibchen zu ihm kommt, kann es sein, dass sie im Duett singen, bis das Männchen dem Weibchen die vorgeschlagene Höhle zeigt. Aber auch das Weibchen ruft, vor allem vor der Futterübergabe an die Jungen, dann stimuliert sie „gek-gö-gekgöck-geck-göck, usw. Derweile betteln die Jungen mit Piepslauten. Ihr Gesang ist aber auch reich an Alarm- und Abwehrlauten, die wie etwa „kukau“ klingen und bei der Revierverteidigung zu einem Aggressiv-Gesang aneinandergereiht werden. Mit etwa 60 solcher Silbengruppen werden sie dann von beiden Partnern vorgetragen. Damit schwillt das Geheul der Steinkäuze zu einem infernalischen Lärm an, mit dem konkurrierende Paare für das Revier wirkungsvoll in die Flucht geschlagen werden. |
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Weil sie überwiegend in der Nähe der Menschen und damit an Dorfrändern lebten, sind Steinkäuze mit der Ausdehnung dieser Siedlungen zunehmend gefährdet. In den modernen Bauten fehlen jegliche Löcher und Lücken. Helfen kann man ihnen mit entsprechender Gestaltung der Flächen-Nutzungspläne und auch mit dem Anbieten von künstlichen Nisthilfen. Hier hat Albert Soyer eine bemerkenswerte Version entwickelt, die sich sehr bewährt hat. Wenn aber heute zunehmend die Füchse in die Siedlungen kommen, weil ihnen draußen die Nahrung fehlt, kann man sich vorstellen, wie viel mehr den Eulen die Nahrung draußen fehlt. Füchse sind findig. Sie plündern Komposthaufen und klauen gegebenenfalls Schuhe. Wenn die Steinkäuze auch keine Schuhe klauen können, sollte man sich daran erinnern, dass Mäuse in nennenswerter Zahl nur auf Dauergrünland zu finden sind. Die Nisthilfe von Soyer für Steinkäuze hat sogar im Rheinland Anklang gefunden, dem einzigen Gebiet in Deutschland, wo es heute noch in beachtenswerter Anzahl Steinkäuze gibt. Mitte August ist es soweit, dass die Jungen ausfliegen und ohne die Hilfe der Alten auskommen müssen, denn exakt ab dem 65. Tag ignorieren die Eltern das Betteln der Jungen. Da Steinkäuze selten wurden, ist überall ein Vakuum im Land. So brauchen sie nicht sehr weit abzuwandern, um mit einem neuen Partner ein eigenes Revier zu begründen. Einjährig sind sie geschlechtsreif. An einem lauen Sommerabend nehmen sie den Wind unter die Schwingen und verlassen den Wiesengrund. In der Ferne hört man noch ihre Rufe. Die Familienverbindung ist beendet, und zurück bleibt nur das alte Paar. Im Herbst werden sie noch einmal ein großes Heulkonzert veranstalten, um das Revier gegen andere Steinkäuze abzugrenzen. Die Käuzin wird dem Kauz antworten. Er bleibt auf jeden Fall im Winter in seinem Revier, aber auch sie bleibt in den milden Wintern hier. Miteinander zu heulen hat etwas Verbindendes. Die Käuzin heult mit dem Kauz, und sie wissen beide, dass sie auch im nächsten Sommer nicht mehr alleine sein und gemeinsam ihre Jungen aufziehen werden. |