Bedrohte Vogelarten: Wer rettet die “Waldkatz“? Rotkopfwürger auf bunten
Streuobstwiesen
von Wolfgang
Alexander Bajohr
|
Am
Maisinger See ist der Rotkopfwürger seit jeher immer nur ein Durchzügler
gewesen. Die Brutgebiete hierzulande liegen in Mittelfranken. Dort aber gibt
man sich redlich Mühe, die Brutgebiete in den Streuobstwiesen zu vernichten.
|
|
Es
folgt die Planierraupe, die auch noch die Strünke aus dem Boden reißt und
ganze Landschaften umkrempelt, noch ehe die Mehrheit der Menschen begriffen
hat, was Streuobst eigentlich ist. Ehe die Menschen in Stadt und Land ahnen,
dass da mit ihrem Steuergroschen gegen ihren Willen Technokraten die
Kulturlandschaft verwüsteten, war das Unheil geschehen. Nach der
Völkerwanderung haben Menschen zwar den Urwald gerodet, aber sie haben auch
gelernt, ihre Haustiere durch spezielle Zuchtauslese den jeweils örtlichen
Verhältnissen anzupassen und mit der Natur in ihrer Kulturlandschaft in
Harmonie zu leben. So ist nach der Waldrodung in unseren Klimazonen eine
Kulturlandschaft entstanden, die weit mehr Tieren und Pflanzen Lebensraum
geboten hat, als die unberührte Wildnis des Urwaldes. Darum geht es
hier auch nicht um Naturschutz, sondern es geht darum, dass die
Kulturlandschaft restauriert wird, wo man einst Rationalisierung mit den
Mitteln eines Schlachtfeldes durchführte, so dass Ethik und die Kultur einer
gewachsenen Struktur auf der Strecke blieben. |
|
|
|
Nur hier verstecken sich am Tage Siebenschläfer und Gartenschläfer und die
heimlichen Fledermäuse. Voraussetzung für sie alle ist das Angebot an
Früchten und Sämereien, für viele aber auch das Angebot an Insekten und
deren Larven. Voraussetzung dafür aber sind immer die Futterpflanzen.
Nicht so sehr jene an denen die Falter und Bienen saugen, sondern jene, auf
die ihre Raupen angewiesen sind. |
|
|
|
Die Raupen der Würfelfleckfalter sitzen je nach Unterart an Sumpfblutauge oder Malven, Wilderdbeeren oder Fingerkräutern, gemeinsam mit einigen Bläulingen. Andere Bläulingsraupen hocken sicher im Ameisennest und lassen sich füttern. Brombeere und Himbeere wünscht sich der Brombeerzipfelfalter, Fetthenne der Franken-Apollo an den fränkischen Sonnenhängen. Möhre und Kerbel braucht der Schwalbenschwanz. Fuchs, Admiral, C-Falter und Landkärtchen sind Brennesselspezialisten. Der Distelfalter trägt schon den Namen seiner Pflanze und der Zitronenfalter will keineswegs die Zitrone, sondern den Faulbaum. Für Flockenblume, Ehrenpreis und Wachtelweizen gibt es jeweils einen eigenen hoch spezialisierten Scheckenfalter. Kaisermantel und verschiedene Perlmutterfalter brauchen Veilchen, einer von ihnen gar ausschließlich das wilde Stiefmütterchen. Der silbergrüne Bläuling will Hufeisenklee oder Kronwicke, und ohne die Rumex-Unterarten der Ampferfamilie ist die tropische orangeblaue Pracht der Ampferfeuerfalter nicht möglich. Andere, wie die Dickkopffalter, verschiedene Augenfalter oder Schachbrett brauchen ein bestimmtes Gras, wie Knaul- oder Rispengras oder Quecke. Weil man aber auf Streuobstwiesen alleine 200 von den Schmetterlingsarten nachgewiesen hat, ließe sich die Zahl der Arten und der zugehörigen Gras- und Blütenarten noch ziemlich endlos fortsetzen. Dort leben aber auch Bienen und Hummeln, verschiedene Wespenarten bis hin zur riesigen Hornisse, die viele fürchten und die doch so harmlos ist. Laufkäfer nagen an Schnecken, Goldlaufkäfer jagen alles, was ihnen in die Quere kommt.
Alle miteinander aber sind die unentbehrliche Nahrungsgrundlage von vielen
Vogelarten, zu denen auch die 4 Würgerarten gehören, die alle miteinander vom Aussterben bedroht sind: Raubwürger und Schwarzstirnwürger, Neuntöter
und Rotkopfwürger. Der Neuntöter ist am Maisinger See seltener Brutvogel.
Der Raubwürger war verschollen und ist zumindest im Durchzug wieder
aufgetaucht, aber der Rotkopfwürger ist hier am Maisinger See und im
Fünfseenland stets nur Durchzügler gewesen. |
|
|
|
Stets ist die Nähe des Menschen oder seiner Weidetiere Voraussetzung. Dennoch ist dieser Kulturfolger fast unbemerkt während der letzten zwei Jahrzehnte geradezu katastrophal reduziert worden, weil natürliche Bestandsschwankungen nicht mehr ausgeglichen werden. Ohne eine radikale Trendwende im Umgang mit der bäuerlichen Kulturlandschaft ist mit einem völligen Aussterben der Art in Bayern selbst in Franken zu rechnen. Nur wenn die bisherige Beseitigung der Streuobstanlagen sich ins Gegenteil verkehrt, wenn Obstbaumalleen nicht mehr intensiver Landnutzung und Straßenausbau, Schrebergärten etc. weichen, nur wenn der Pestizideinsatz reduziert und damit das Großinsektenangebot nicht mehr zusammen mit so genannten Schädlingen reduziert wird, hat er noch eine Chance. Man versucht seit einiger Zeit der Überproduktion in der Landwirtschaft durch Flächenstilllegung Herr zu werden. Das ist weder für sie noch für die Lebewesen in der Kulturlandschaft eine Lösung. Denn wir brauchen die verlorenen Strukturen wieder. J e d e r Acker und j e d e Wiese muss wieder eine Hecke erhalten, und auch die Streuobstanlagen mit extensiv genutzten Weideflächen und der artenreichen Vielfalt der Flora müssen wieder erstehen. Der Gradmesser dafür, ob diese Landschaftsreparatur gelungen ist, wird das Vorkommen von Neuntöter und Rotkopfwürger sein. Nur wenn sie zurückkehren, werden auch viele andere Tiere zurückgekehrt sein. Sie sind die Gradmesser für den Erfolg. Noch wissen wir nicht, ob sie auch einzeln stehende junge Bäume annehmen werden. Ein einzelner freistehender alter stacheliger Obstbaum in einer Blumenwiese kann wie ein Magnet für den Rotkopfwürger sein. Er liebt die freie Übersicht, weil er gerne von Warten aus jagt. Von dort aus greift er seine Beutetiere an. Dort baut er auch, oft nur 1,5 m hoch, manchmal aber auch bis zu 4 Meter hoch sein napfförmiges Nest, das dem des Neuntöters ähnelt. Nur ist es oft viel offener und kaum getarnt, da er keine Feinde fürchtet. Es ist ein stabiler Bau, den Weibchen und Männchen gemeinsam aus Würzelchen und Halmen oder anderen Pflanzenteilen auffallend fest verweben und mit Tierhaaren, Wolle und Pflanzenfasern fein und filzartig fest auspolstern. Das Weibchen bebrütet dann vom letzten Ei an 16 Tage lang alleine die blassgrünen, am stumpfen Ende braun getupften Eier. Das Männchen füttert es in dieser Zeit alle 2 - 30 Minuten auf dem Nest. Sie verlässt es nur selten gegen Morgen oder am Abend und bleibt auch bombenfest sitzen, wenn jemand vorbei geht und sie anschaut. Meist sieht sie ohnehin keiner, und der Kundige geht rasch weiter. Rotkopfwürger erscheinen recht spät im Brutgebiet, zur gleichen Zeit wie der Neuntöter. Meist Anfang bis Mitte Mai. Da sie relativ vertraut sind, kann man sie eigentlich gar nicht übersehen, sobald sie wieder auf der Warte sitzen. Oberkopf und Nacken sind leuchtend rotbraun, Bauch und Bürzel sind weiß, Oberseite und Flügel schwarz mit einer weißen Flügelbinde und einem weißen Flügelflecken. Den Vögeln auf Korsika fehlt diese Flügelbinde. Durch das Auge geht ein schwarzer Strich, und auch die Stirne ist schwarz, gegen den Schnabel aber hell abgesetzt. Das Weibchen sieht fast genauso aus und ist nur vom Geübten zu unterscheiden. Auf der Seite des Bauches gibt es einige nur wenig angedeutete bräunliche Wellen und der helle Fleck an der Stirn kann, aber muss nicht, deutlicher sein. Auffällig ist der kräftige Hakenschnabel, der gar nicht zu einem Singvogel zu passen scheint und eher ein Greifvogelschnabel ist. Ein Meistersinger ist der Rotkopfwürger nicht. Eine Reihe eigener rauer Laute mischt er mit imitierten Strophen aus anderen Vogelliedern. Ähnliches kennt man ja auch vom Neuntöter. Mit ihm soll er auch die makabre Gewohnheit gemeinsam haben, die Zweige in der Nähe seines Brutgebietes bei großem Beuteangebot in eine Speisekammer zu verwandeln. Diese Gewohnheit wird überall in der Literatur erwähnt und zuweilen auch im Bild gezeigt. Dem Neuntöter, der ja eigentlich Rotrückenwürger heißt, hat es seinen zweiten Namen eingetragen. Ich habe aber auch in den Jahren, als der Neuntöter noch ein ganz gewöhnlicher und häufiger Vogel war, niemals solche makabren Speisekammern gefunden. Tatsache ist es allerdings, dass man die Vögel zum Fotografieren sehr gut anlocken kann, wenn man auf vergleichbare Weise nachhilft. Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, dass er eine Beute oder ein gefundenes totes Tier, wie eine Maus oder eine Eidechse aufspießt, um sie besser zerreißen zu können. Denn er hat in den Füßen nicht die Kraft eines Greifvogels, der ja mit den Fängen jagt. Ich erinnere mich noch an einen Raubwürger, der seine Jungen nur mit Teilen größerer Beutetiere gefüttert hat, die er an einem anderen Ort zerlegte, nicht jedoch am Nest. So haben auch wir dem Rotkopfwürger ein im Straßenverkehr verunglücktes Reptil als Lockspeise angeboten. Den hat er innerhalb eines Tages zerrissen und verfüttert. Normal füttert er, mehr noch als der Neuntöter, Insekten, auch solche mit Giftstachel und alle Arten Raupen. Gelegentlich plündert er aber auch, wie alle Würger, die Nester anderer Vogelarten genauso grausam und verfüttert deren Junge an seine eigenen. Derlei Gewohnheiten lösen bei den Menschen oft Emotionen aus. Die sind ja auch der Grund, warum sie glauben, die Unebenheiten der Natur dadurch korrigieren zu müssen, dass sie Elstern, Krähen und Eichelhäher vernichten. Ähnlich haben wohl die Schöpfer des ersten Vogelschutzgesetzes 1888 gedacht, als sie noch alle Würger vom Vogelschutz ausnahmen. Sie hatten einen Hakenschnabel, fraßen junge Vögel und wurden darum bekämpft. Heute sind sie auf der Roten Liste und keiner weiß vorherzusagen, ob sie überhaupt als Art überleben werden. Sie sind fürsorgliche Eltern, die ihre Jungen so unermüdlich füttern, dass sie in 16-19 Tagen das Nest verlassen. Der schmucke Vogel hat es eilig mit seiner sommerlichen Gastrolle, denn im August/September zieht er schon wieder fort in das Winterquartier im tropischen Afrika. Ich habe ihm ganze Tage lang zugeschaut. Immer jagt er vom Ansitz aus, von der Warte aus. Meist wartet er, dass Insekten vorüber fliegen oder auch am Boden vorüberkrabbeln. Dann stürzt er sich blitzschnell auf die Beute am Boden, oder er erhascht sie nach Fliegenschnäpperart im Zickzackflug ungemein geschickt aus der Luft. Ganz so geschickt wie Fliegenschnäpper oder Bienenfresser sind sie dabei freilich nicht. Und der Rotkopfwürger ist auch nicht ganz so wendig wie der Neuntöter. Denn obwohl er gleichgroß ist, wiegt er doch um 1/4 mehr und ist darum etwas plumper. Den Menschen scheut er kaum und weicht vor ihm allenfalls in das dornige Gestrüpp aus, wo er sich sicher fühlt. Bei meinen Aufnahmen von ihm in der Deckung, hat er mich tüchtig beschimpft. „Wääht", ruft er dann, ,,wääht, wääht" oder er faucht mich sogar an, weil ich wahrscheinlich in die Nähe des Nestes gekommen bin. Dabei schlägt er, wie alle Würger, erregt mit dem Schwanz hin und her. Der rotiert bei jeder Erregung oft so heftig, dass er wedelt und rotiert wie der Schwanz bei einem Terrier. Zuweilen schlägt er ihn aber auch ohne erkennbaren Grund hin und her, wenn er sich unbeobachtet weiß und auf der Warte sitzt. Vielleicht kompensiert er damit die Anspannung vor einem Jagdangriff auf seine Beute. Die Warte kann eine kahle dürre Baumspitze genauso sein, wie eine Telegrafenleitung oder ein wenig belaubter Zweig am unteren Rand der Baumkrone. Ältere Aufnahmen zeigen ihn stets am Nest, wenn er füttert. Er eilt zwar stets herbei und beschimpft den Eindringling, wenn man in die Nähe eines Nestes gerät, und damit verrät er sich erst. Weit reizvoller ist es aber den Kollegen Jäger bei der Jagd auf seinem Ansitz zu belauschen und aufzunehmen. Das ist mir auch ganz gut gelungen. Gelegentlich musste ich den Blitz einsetzen, wenn er im Schatten des Zweiggewirrs sitzt und kein Licht dorthin fällt. Meist ist er dabei eher gelassen und nimmt den Störenfried gar nicht zur Kenntnis. Oft stürzt er sich vor meinen Füßen auf seine Beute, die er blitzschnell verschluckt oder sofort zum Nest trägt. Auf dem Weideland mit seinen vielen Schafkötteln findet er viele Mistkäfer. Aus den Laubbäumen und Hecken sammelt er aber auch die Mai- und Junikäfer. Raupen sammelt er in allen Farben und weiß auch den Schmetterling aus der Luft zu fangen. Aber auch die dicke Holzbiene ist seine Beute und die schwarzgelben Warnstreifen von Wespen und Hornissen schrecken ihn gar nicht. Ob er den Giftstachel herausknetet, habe ich nicht erkennen können. Wenn er einmal füttert, geht das in rascher Folge, weil er nur günstige Biotope aussucht und dabei sehr wählerisch ist. Weil er dabei so anspruchsvoll ist, wird ihm das zum Verhängnis, denn er kann nicht ausweichen. Nur in der heißen Mittagszeit macht er beim Füttern eine Pause. Jetzt muss das brütende Weibchen genauso warten wie die Jungen. Dann sitzt er nur schläfrig auf seiner Warte, aber er jagt nicht. Doch stets ist er wachsam und warnt bei jeder Störung: ,,Wääht, wääht". Das kann ein nach Mistkäfern suchender Fuchs genauso sein wie ein Wanderfalke. Er ist dabei immer ein Charaktervogel für eine Kulturlandschaft und zugleich ein Symbol für die Ernsthaftigkeit unseres Willens, eben diese Kulturlandschaft als Teil unseres Kulturerbes zu erhalten. Lebensraum für diese Vögel schaffen Vogelschützer durch Kaufen geeigneter Flächen. Biotope sind Bauernland, und wenn es das nicht mehr gibt, muss man es schaffen, denn alle Würgerarten leben bevorzugt in der extensiven Kulturlandschaft in der Nähe der Menschen. |