Bedrohte
Vogelarten: Vom "Forstmeister" im
bunten Rock.
Wie Markwart der Eichelhäher ganze Wälder
gepflanzt hat.
Text und Fotos Wolfgang Alexander Bajohr
| Hier besteht Handlungsbedarf den Unfug zu stoppen, und Bayerns Ministerpräsident ist gefordert, den Forstämtern freie Hand zu geben, den örtlichen Verhältnissen entsprechend die Pachtverträge abzuändern, um Eichelhäher und Waldschnepfe besser zu schützen. |
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Und doch muss es jemand gegeben haben, der einen schönen Naturwald viel lieber sehen würde. Jemand, der es doch nicht so gerne entdeckt hat, dass hier nur Fichten wachsen, und der darum eine Eiche gepflanzt hat, um den Anfang zu machen für einen neuen natürlicheren Wald, einen Wald mit Eichen, wie es ihn hier früher überall gegeben hatte. Wer war es wohl, der jetzt mit einem Naturwald den Anfang gemacht hat? Schaut man sich ein wenig um, dann entdeckt man inmitten der öden Monokulturen noch weitere dieser junge Eichen. Noch ist es ein Rätsel: Wem hat eine alte Eiche ihre Samen anvertraut? Die Eiche ist ein Baum, der sein Geschäft gerne mit dem Winde macht, wenn es um die Verbreitung ihrer Blütenpollen geht, und es gibt auch Bäume, die ihre Samen dem Wind anvertrauen, wie Fichten und Eschen, Ulmen und Ahorn. Das kann die Eiche nicht, denn ihr Same ist groß und er wiegt runde zehn Gramm, das ist zu schwer zum fliegen. So hat sie eine besondere Strategie entwickelt, um diese Samen Boten anzuvertrauen, die einen Eichenwald selbst dort pflanzen, wo es noch nie einen - oder lange keinen mehr - gegeben hat. Unter diesen Boten sind die Wildschweine und Eichhörnchen, die Mäuse und Siebenschläfer die unsichersten Helfer. Sie nutzen die Mehrzahl der fortgetragenen Samen selbst. Nur manchmal, wenn sie von einem Feind vertrieben oder sehr gestört werden, lassen sie ihre Beute auch einmal liegen, und sie hat eine Chance zu keimen. Auch wenn sie den Winter nicht überleben, dann keimt wohl auch einmal ihr Vorratslager. Das mag die Eiche veranlasst haben, alle paar Jahre eine regelrechte Mast einzulegen und den Wald mit Samen zu überschwemmen, damit von den vielen Eicheln wenigstens einige zu Bäumen werden. |
| In wenigen Minuten ist der Kropf ganz dick aufgeplustert. Sein Flug zum Waldrand und noch weiter, wird auf solche Weise sehr schwerfällig. Es wird behauptet, dass der vom Habicht verfolgte Häher alles schnell wieder auswürgt, um rascher fliegen zu können. Das ist sehr zweifelhaft, denn falls er noch würgen will, wenn der Habicht oder auch der Sperber angreift, dann ist er schon tot, noch ehe er würgen kann. |
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Erstaunlich dabei ist, dass er einen Teil der versteckten Eicheln noch nach Monaten wiederfindet. Aber eben nur einen Teil, denn es bleiben genügend übrig, die in diesem von der Sonne erwärmten Waldboden keimen. So wachsen plötzlich Eichen an Plätzen, an die sie ohne die Häher nie hingekommen wären. Darum bezeichnet man den Eichelhäher seit alters her als Freund des Forstmanns und tatsächlich ist er vom Standpunkt der Forstleute ein außerordentlich nützlicher Vogel, dieser "Forstmeister im bunten Rock". Denn über die Jahrhunderttausende hinweg war er es, der seit dem Ende der Eiszeit ganze Landschaften mit Eichenwäldern, mit Buchen und Hasel gefüllt hat. Denn ohne ihn hätten sich die kahlen Tundren nie mit Eichen wiederbesiedeln können. Nur er sorgt auch dafür, dass durch diese natürliche Sukzession Windwurf- und Brandflächen in den Naturwäldern wieder zugewachsen sind. Denn die Eichen wachsen wohl zu gewaltigen Bäumen heran, aber sie sind fest an ihren Standort gebunden und können nicht wandern. Angesichts der oft bedrückenden und tristen Monokulturen mit Nadelhölzern sollte eigentlich auch jeder Jäger den Eichelhähern eine weite Verbreitung wünschen und ihnen dankbar sein für ihre Pflanzaktionen. Der Forstmann aber schätzt ihn noch aus weiteren Gründen, denn er füttert seine Jungen zu 75 % mit Insekten, die Förster als schädlich ansehen. Im ökologischen Gleichgewicht des Waldes hat er also eine so wichtige Funktion, dass eigentlich keine biologische Notwendigkeit besteht, ihn totzuschießen. Für den Wald ist er ein wichtigerer Bewohner als der Hirsch, von dem er sich auch dadurch unterscheidet, dass er keine Bäume frisst. Mancher ist den Hähern allerdings trotzdem gram, weil einige von ihnen gelegentlich Nester von Singvögeln ausplündern, und es gibt auch unter den Vogelschützern welche, die ihn bekämpfen möchten, um einseitig andere erwünschte Singvogelarten zu begünstigen, obwohl ja auch er ein Singvogel ist. Hat ein Paar Vogeleltern sein Nest nicht gut genug verborgen, dann kann es sein, dass es ausgefressen wird. Als mir das bei einer kleinen Kolonie des sehr seltenen Schwarzhalstauchers wiederfahren ist, muss ich gestehen, dass ich eine Stinkwut auf die Häher hatte. Die Schwarzhalstaucher haben dagegen unverzüglich ein zweites Mal gebaut, dieses mal inmitten der Möwenkolonie, wo sie sicher waren. Ich habe also lernen müssen, dass ich den natürlichen Lauf der Natur miterlebt habe, und dass der Häher auch hier zur Evolution beiträgt. Die geht auch an ihm nicht vorüber, denn Elster und Krähe fressen seine Nester leer, so dass von den Eichelhähergelegen 2/3 gar nicht erst schlüpfen werden, und von den restlichen Jungen wird 1/3 nicht ausfliegen und ein weiteres 1/3 den Winter nicht überleben. In der Habichtsbeute stellt er nach der Ringeltaube mit 25 % den größten Beuteanteil. So weiß die Natur sehr gut sich selber zu helfen und sie braucht den Menschen nicht, um sie von vermeintlichem "Raubzeug" und Unebenheiten zu befreien. |
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Damit war er nicht etwa nur der Auerhahn des Kleinen Mannes, sondern die Jagd auf ihn war weit schwieriger und reizvoller als die auf den Auerhahn. Und da ich beide, Auerhahn und Eichelhäher, auch mit der Kamera bejagt habe, weiß ich sehr genau, dass es kinderleicht ist, einen Auerhahn zu schießen und unheimlich schwierig, den balzenden Eichelhäher anzuspringen. Wollte man den Häher nur so bejagen, erschüttert das auch die Vogelschützer nicht, zu denen auch ich gehöre, nicht nur obwohl, sondern weil ich ein Jäger bin, der Achtung vor der Schöpfung und ihren Geschöpfen hat. Würde man ihn nur zur Balz bejagen, und würde sich der interessierte Jäger auf maximal drei Vögel für eine Saison beschränken, spielt diese Jagd überhaupt keine Rolle für den Fortbestand der Art, denn der Vogel ist so häufig, dass man ihn in einer eng begrenzten Zeit um des Naturerlebnisses Balzjagd willen durchaus bejagen könnte, ohne ihn auch im Geringsten zu gefährden. Es gibt aber auch Jäger, die anders denken oder sich vor einen politischen Karren spannen ließen, als man durch die EU-Vogelschutz-Richtlinien den Eichelhäher unter Naturschutz gestellt hat. Geschürter Argwohn, dass man scheibchenweise die Jagd abschafft, war die Folge, und es wurden Unterschriftaktionen gestartet, die den Ruf der Jäger in der Öffentlichkeit nahezu unreparierbar ruiniert haben. Denn natürlich ist die Frage gekommen, wo denn die Jäger mit ihrer Unterschriftaktion geblieben sind, als nahezu alle Lebensräume in der Kulturlandschaft durch Roden von Hecken vernichtet wurden. Jedermann hat aber auch gewusst, dass der Eichelhäher den Wald pflanzt und ein sehr nützlicher Vogel ist, und keiner hat verstanden, warum man diesen schönen Vogel auf einmal, mit der Wanderratte gleichgestellt, als Unkraut vernichten will. Mittlerweile hat auch das Landwirtschaftsministerium in Bayern schöne Farbbroschüren über den Naturwald und über den Wald in Mittelfranken herausgebracht, denen zu entnehmen ist, dass der Häher den Wald pflanzt, und einige Bundesländer haben auch eisern an seinem Schutz festgehalten. Schließlich hat man im Staatsforst freiwillig und weitgehend auf die Häherjagd verzichtet. In Bayern haben es
Politiker für günstig gehalten, einen Weg zu suchen wie man dem Wähler
Jäger gefällig ist und den Eichelhäher doch schießen kann. Diese
Rabenvogel-Verordnung ist seither jährlich erneuert worden. Sie sieht eine Schonzeit
vom 15.3. bis 15.7., also eine Jagdzeit vom 16.7. bis 14.3. vor. Den Kopf
hat dafür das Umweltministerium hinhalten müssen, und seither wird es
von den gegensätzlichen Interessengruppen mit Protestbriefen bombardiert.
Die Begründung für diese "Jagd" liest sich ein wenig
eigenartig. Denn wer jetzt auf den Häher jagen möchte, tut das nicht
mehr aus Freude an der Jagd oder am Naturerlebnis Eichelhäher, sondern
"zur Abwendung Land- und Forstwirtschaftlicher Schäden" und zum
"Schutz der heimischen Tier- und Pflanzenwelt". Was das wohl
ist? Ich wage nicht mir vorzustellen, dass jemand zum Verwaltungsgericht
geht und diese Begründung nachprüfen lässt. Schäden in der Land- und
Forstwirtschaft kann dem Eichelhäher ohnehin niemand nachweisen, sondern
nur das Gegenteil: Seinen hohen Nutzen. Warum und welche Pflanzenwelt man
schützen will, ist auch nicht festzustellen. Dass er seit Jahrtausenden
auch mal ein Nest leerfrisst, ist unbestritten, aber das machen andere
Tiere auch, ohne dass man sie deshalb verfolgt. Nach dem Text der
Verordnung genügt das aber auch nicht, denn es muss ja dadurch die Tier-
und die Pflanzenwelt geschützt werden. Das mögen Haarspaltereien sein,
aber immerhin kosten sie jährlich 20.000 der schönen Vögel das Leben.
Nicht etwa um die Natur nachhaltig zu nutzen, wie es das Wesen der Jagd wäre,
sondern um die Natur zu manipulieren. Die Art wird sicher auch durch diese
20.000 Eichelhäher nicht gefährdet, und im Durchschnitt schießt auch
jeder Jäger in Bayern nur 0,5 Häher im Jahr, so dass auch von einem
Massenmord nicht die Rede sein kann. Wenn aber nicht mehr die Kammerjäger
und Schädlingsvernichter ihn jagten, sondern nur noch die wirklichen Jäger,
die ihn lieben, legal und nach Jagdschein, das wäre sicher besser für
diese Vogelart und für das Ansehen der Jäger auch. Denn seine Ethik ist
es, die hier gelitten hat, nicht nur beim Eichelhäher, sondern bei seinem
Umgang mit vielen anderen Tieren auch, von denen er meint, dass sie ihm
etwas wegfressen. Nicht nur beim Eichelhäher steht der Jäger am
Scheidewege, denn alleine er selber ist es, der den Fortbestand der Jagd
im Jahr 2000 in Frage stellt, denn ein ganzes umweltbewusster gewordenes
Volk ist auch kritischer geworden, zu kritisch um faul klingende Ausreden
noch für bare Münze zu nehmen. |
| Aber man kann sie auch für Rufmordbilder hereinlegen, wenn man sie mit kleinen Eiern ködert. Wer in einer für sie verdächtigen Art durch den Wald schleicht, vor dem warnen sie "räääätsch, räääätsch", "ätsch", da bin ich eben noch gesessen, und alle anderen Häher wiederholen das Geschrei. Sie warnen vor dem Jäger, aber sie melden ihm umgekehrt auch Fuchs und Marder. Wenn im Lenz der Schnee zurückweicht, dann sind sie beim Vogelkonzert mit dabei. Sie singen leise, plaudernd und unterhaltend glucksend, unterbrochen von einer ganzen Kette miauender und maunzender Laute, in die sie das "Hiäh" des Bussards, das Fiepen des Rehs, das Knarren von Ästen, Quietschen von Schubkarren, das Heulen des Kauzes und der Krähen Sammelruf mischen. Das ist so vielgestaltig, dass man eins ums andere Mal genarrt wird. Im Herbst, wenn der Vogelsang verstummt ist und fast alle fortgezogen sind, Fuchs, Hase und Reh sich schon rar machen, ist der Eichelhäher oft das einzige Geschöpf draußen, das mich über den Winter hinwegtröstet. Wie einsam wäre es ohne ihn und wie kurzweilig wird seine Gesellschaft alleine schon darum, weil es ihn gibt. |