Ammersee/
Bedrohte Vogelarten:
Farbenrausch der Bienenfresser, Vögel - so anmutig und bunt wie Schmetterlinge
von Wolfgang Alexander Bajohr
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Bienenfresser verstehen es, eine Landschaft zu beleben, wie sonst kaum ein anderer Vogel. Wenn sie mit melodischem weithin tönenden Zwitschern als geflügelte farbenfrohe Zauberwesen der Erde entsteigen, und sich schillernd und blitzend wie farbenfrohe Falter in die strahlende Lichtweite der blauen Lüfte hinaus schwingen. Wie ein Gleichnis der Seele, die ihre irdische Hülle verlässt, um in den ewigen Frühling auf zugehen. Es kann nichts Schöneres geben als diese Prachtvögel, die |
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bald mit dem schnellen Flügelschlag des Wanderfalken dicht über dem Erdboden dahin jagen, bald geschwind segelnd nach Art der Schwalben scheinbar schwerelos nach oben gleiten. Manchen Augenblick auch stehen sie in der Höhe im Luftstrom am blauen Himmel verharrend. Dann hängen sie droben wie kleine bunte Papierdrachen mit dreieckigen spitzen Flügeln und einem langen Schwanz, der in der Mitte zwei überstehende gegabelte Spieße hat. Wenige Augenblicke stehen sie leicht schwankend im Wind, bis sie wie kleine Stukas über eine der Schwingen herabkippen, sich nach unten gleiten lassen und mit dem Schwung des Sturzfluges gleich wieder hinauf zu schweben. Sie fesseln das Auge mit ihrem anmutigen Flug und ihren bunt schillernden Farben, die kein Maler prächtiger hätte ersinnen können. Ob sie nun pfeilschnell zwitschernd dahinjagen, gleiten, schweben oder steigen, ob sie sich von dem anmutigen Tanz in den Lüften auf abstehenden Zweigen der Büsche und Bäume oder nach Schwalbenart auf Leitungsdrähten ausruhen oder auf der kahlen Erde am Boden sitzen, sich badend im Sande sielen, eine Augenweide sind sie immer. Mal klauben sie am Boden auch Käfer oder Heuschrecken auf, mal buddeln sie wie die Karnickel Löcher schräg in den flachen Boden, die wie große Mäuse- oder wie Hamsterbaue aussehen. Denn nicht immer und überall können sie ihre Brutröhren in steilen Erdwänden anlegen. Mit ihrem kräftigen pfriemartig gebogenen Schnabel lockern sie selbst steinhart verkrusteten Lehm und scharren mit den kurzen Füßen die staubtrockene Erde heraus. |
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Es gehört
immerhin Glück dazu, sie zu erleben und zu beobachten, aber es gibt eine
Fülle von Meldungen, die von Ornithologen registriert sind und sicher nicht
wenige, die ihnen entgangen sind. Die Rote Liste in Bayern nennt ihn als
sehr stark gefährdet. Doch genau genommen ist er noch gar nicht richtig da,
obwohl sie die Klimaveränderung begünstigt. Als Strichvögel sind sie
regelmäßige Gäste in Deutschland, die schon Altvater Brehm als „Deutsche
Vögel” bezeichnet. Als Brutvogel sind sie weit seltener, aber auch davon
berichtet schon Brehm. So auffällig sie sein können, so leicht werden sie
auch übersehen, weil dort, wo sie auftreten und auf einmal brüten, in den
heißen Monaten kein Mensch etwas sucht oder erwartet. Bis zum Ende des Sommers verschwinden sie ohnehin wieder, und im kommenden Jahr tauchen
sie vielleicht an einem anderen Ort auf, wenn überhaupt. Immer suchen
sie sich eine offene Landschaft, in der bei uns eine alte Sand- oder
Kiesgrube sie verführt, wo sie in die Sandbänder nach Art der Uferschwalbe
Höhlen graben, die allerdings mit 2 - 2,5 m noch tiefer als bei jenen in den
Untergrund reichen. Wenn sie in den flachen Boden gehen, bleiben sie ohnehin
unauffälliger im Ödland. |
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denen Neuntöter und Würger, Dorngrasmücke und Gartengrasmücke, Stieglitze und Sperlinge, Goldammern, Zaun- und Zippammern brüten. Niemand hat die Axt an die Dornenhecken gelegt, die alles umfrieden, so dass dort alles voller Vogelgesang ist. Schlehe und Weißdorn, Brombeere und Heckenrose bilden mit Disteln, Nesseln und Kletten einen undurchdringlichen Verhau. Ein Bollwerk, das die Vögel genauso schützt wie das Weideland. Niemand zwängt sich neugierig hindurch, so dass es ruhig ist. Die Disteln zerpflücken die Stieglitze, und in den Wackersteinhaufen ist die Hummel genauso zu Hause wie die Eidechsen und Schlangen, der Wiedehopf und das Große Wiesel. Weil überall die Raupen nagen dürfen, gibt es auch Falter in Überzahl, Goldlaufkäfer und Mistkäfer, Bienen, Wespen, Hornissen, Holzbienen und Heuhüpfer. Über dem Tümpel schwirren die Libellen, und so ist für jeden der Gefiederten der Tisch überreich gedeckt, so wie es heute nur noch selten irgendwo ist. Sie alle leben in und von dem Wirrwarr, auch, oder ganz besonders der Bienenesser, denn der ist geradezu darauf angewiesen. |
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Auf das
Dahingleiten folgen ein paar kraftvolle Flügelschläge und dann sausen sie
mit angewinkelten Flügeln wie kleine Pfeile dahin, und auf einmal
verlassen die bunten Vögel im rechten Winkel die Flugbahn, um mit
hochgestellten Flügeln abbremsend auf ihrer Warte oder einem Leitungsdraht
Platz zu nehmen. Ehe man sich versieht, sitzt er vor einem wieder auf der
Warte. Hier wird der gefangene stachelige Hautflügler, Biene oder Wespe,
Hummel oder gar Hornisse, mit dem kräftigen Schnabel erst einmal kräftig
durchgeknetet oder auf der Unterlage mürbe geklopft. Vielleicht um den
giftigen Stachel zu entfernen. Zwar werden Schmetterlinge nicht so
behandelt, sie sind aber auch weicher. Ich habe auch zweifelsfrei
beobachtet, dass zuweilen frisch gefangenen Insekten mit Giftstachel ohne
jede Vorbehandlung verschluckt werden, was ihnen ganz offensichtlich gar
nichts ausmacht. Beim Durchkneten kann es passieren, dass ihnen die Beute
entfällt, ja gleich mehrfach hintereinander entfällt. Das veranlasst
den Vogel zum Abfliegen, und mit einem eleganten Bogen kehrt er zurück,
unterfliegt das fallende Insekt und greift es aus der Luft und fliegt zurück
auf die Warte. |
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Der Bienenesser wird häufig Bienenfresser genannt und gehört zur Stint-Familie, die 30 Arten umfasst. Von der Schnabelspitze bis zum Ende der beiden Schwanzspieße misst er 26 cm, wovon fast die Hälfte auf den Schwanz entfällt. Die Flügellänge beträgt etwa 15 cm. Mit nur 50 g wiegt er nur etwa 2/3 soviel wie Singdrossel oder Star und 1/3 mehr als sein nächster Verwandter, der Eisvogel. Schultern, Hals, Hinterkopf und Schwingen sind satt kastanienbraun. Am Kopf trennt ein schwarzer Strich weiße Stirn und meerblaue Augenbraue. Durch das bald karminrot, bald bräunlich, je nach Lichteinfall unterschiedlich blitzende Auge geht ein schwarzer Strich zum schwarzen Schnabel, und ein schwarzer Strich begrenzt auch die leuchtend kanariengelbe Kehle gegen den türkismeerblau schillernden Bauch. Auch die Flügelspitzen und Schwanzfedern leuchten blau vor dem gelben Unterrücken. Die kurzen Füße sind rötlich. Viele
lange Tage habe ich dem Paarungsspiel zugeschaut, und es war immer ein
erhebendes Erlebnis, wenn einer auf kaum drei Meter Entfernung vor mir seine
Warte anflog, dort ausruhte oder jedes und auch das letzte bunte Federchen
sorgsam geputzt hat. Gleich nach der Rückkehr von der langen Reise haben sie
gerne im warmen Sand gehudert, um sich zu wärmen und um mit dem Staubbad
gegen Parasiten anzugehen. |
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Pfarrer Brehm hat noch beklagt, dass Bienenesser von der bäuerlichen Bevölkerung am Kaiserstuhl abgeschossen werden und eine Kolonie von 60 Paaren aufgerieben wurde. Einerseits, weil man ihm die Räubereien am Bienenstock verübelt hat, andererseits aber auch aus Raffgier, weil man diesen buntesten und herrlichsten aller heimischen Vögel präpariert und zu Geld gemacht hat. Dem stehen heute Gesetze und EG-Verträge entgegen. Aber obwohl er örtlich häufig sein kann, ist er auch im Süden nicht zahlreich. Selbst Frankreich mit seinen Vorkommen in der Camargue und auf Korsika, meldet nur 1000 Paare. Es sind sicher Kulturfolger in einer extensiv genutzten Kulturlandschaft, doch vertragen sie die Umwandlung in eine intensiv genutzte EU-Einheits-Steppe nicht. Innerhalb der EU gehören sie zweifelsfrei zu den gefährdeten Arten. Da er meist schon im August auf seine weite Reise geht, ist er oft schon fort, wenn die umstrittene Vogeljagd im Süden einsetzt. Aber auch dann ist nicht jeder Vogelschwarm über das Meer entschwunden. Doch setzt der schonende Umgang mit der Schöpfung einen Lernprozess voraus, der jedermann aus tiefer Überzeugung veranlasst diese Tiere zu schonen. Dann brauchte es nicht einmal Gesetze dazu. Vorläufig fürchte ich, dass sie nicht jeder beachten wird. In Italien hat man seit Menschengedenken auch viele andere Singvögel abgeschossen, was wahrscheinlich nachhaltig nicht einmal in dem Maße so extrem schädlich war wie unsere Flurbereinigung und Biotopvernichtung. Bienenfresser hat man nach der Literatur gezielt gerne in Griechenland bejagt, weil man sie als schmackhafte Speise betrachtet hat. Doch ist man uns voraus, wenn es darum geht, extensiv genutzte Flächen zu erhalten und Äcker oder Weideland verlottern zu lassen. Erst neuerdings habe ich in Süd-Sardinien festgestellt, dass die dort viel mehr Vögel haben als wir bei uns. Die Vogeljagd abzustellen ist nicht nur ein Anliegen fortschrittlicher Jäger, Vogel- und Naturschützer, sondern es gehört auch zu den Geburtswehen für ein vereinigtes Europa, derlei Barbarei zu beenden. Hoffen wir, dass nicht Eingriffe in die Lebensräume weiterhin dazu beitragen, diesen prächtigsten aller unserer Vögel ernsthaft zu gefährden. Unsere Art mit der Landschaft umzugehen, schadet ihm jedenfalls mehr. Möge er sich soweit erholen, dass er künftigen Generationen erhalten bleibt und sich kräftig vermehrt. Wir wollen auch hoffen, dass die Kolonien in Mittelfranken oder jene zwischen Isar und Lech sich gut entwickeln. Wie unvergesslich ist es, den Bienenessern zuzusehen, die sich, bunt wie Schmetterlinge und mit einem Flötenlied, das an jenes der Brachvögel erinnert, als geflügelte und farbenfrohe Zauberwesen in den blauen Frühlingshimmel hinaus gleiten. Blau schillernd wie der leibhaftig gewordene Himmel selbst, gelb wie die Strahlen der Sonne und erdig braun wie der Boden, mit einem Auge, das im Licht so blutrot blinken kann wie ein lebendiger Blutstropfen. Als einer der perfektesten aller Flieger, der selbst dem jagenden Wanderfalken geschickt ausweicht und dem Eleonorenfalken entkommt. Einer, der es mit seinen Flugspielen versteht, die Landschaft unvergleichlicher zu beleben als jeder andere Vogel. Mit seinem Zwitschern ist er ein Teil des Frühlings, eines der vollendetsten Geschöpfe der Vogelwelt. |