Bedrohte
Vogelarten: Gänsesäger sind am Fluss zurück
An Isar und Donau regt sich gleich wieder Missgunst: Fischer fordern: „haltet
den Dieb”.
von Wolfgang Alexander Bajohr
![]() Gänsesäger |
Das Wasser rauscht, und der Fluss ist klar wie Kristall. Die reißende gischtende Flut unserer Voralpenflüsse hat eine enorme Kraft. Auch die, sich selber zu reinigen. Von diesem Zusammenspiel eines hohen Nährstoffangebotes und dem erneuten Anreichern mit Sauerstoff im plätschernden und gurgelnden Wildfluss profitiert auch das Nahrungsangebot für Fische und damit auch für Vögel. |
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Ein Angelfischer steht im Wasser, er ist gerade beim Fliegenfischen auf Regenbogenforellen. Ob es "Merganser" sind, die da neben ihm ruhen, will er von mir so nebenbei wissen. Man nennt die Gänsesäger hier nach ihrem lateinischen Namen. Hier, das ist inmitten der Wildnis von Alaska, gehören die Gänsesäger ganz klar zum Naturerlebnis der Fischer. Niemand würde hier auf die Idee kommen, ihnen etwas zu missgönnen, und jeder hat an ihnen seine Freude, weil sie so vertraut sind. Ich überlege natürlich gleich, ob zwischen diesen fairen und rauhen Burschen und unseren Angelfischern ein Unterschied bestehen könnte, weil man bei uns immer wieder kritische Worte über die "Räuber" und Abschussforderungen hört, wenn ein Tier es wagt, dem Menschen Fische wegzuessen. Das gilt für Gänsesäger genauso wie für den Kormoran, den Graureiher und den Otter. |
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Gleich
hat man dem Vogelschützer Heribert Zintl bittere Vorwürfe gemacht, weil
er es wagte mit seinen Nistkästen aus dicken rotfaulen
Fichtenabschnitten, die er aushöhlte, die lästigen Säger anzusiedeln,
die es angeblich "früher hier nicht gab" Da allerdings irren
unsere Fischfreunde, denn nicht anders als in Alaska oder im arktischen
Norden Europas gehört der Gänsesäger überall im Voralpenland zu einem
Eiszeitrelikt, das in der ursprünglichen Wildwasserlandschaft schon gebrütet
hat, als es hier noch gar keine Menschen gab. In allen diesen Landschaften
der nördlichen Erdhälfte ist der Gänsesäger die gleiche Art. Er fischt
überall gerne die Äsche, früher
auch die Bachforelle und in Nordamerika die Regenbogenforelle. |
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Die
Sägerdame hat ohne Hilfe ihres schmucken Gatten die Eier ganz alleine
ausgebrütet. Das aber hat dem Herrn Zintl Ärger eingetragen. Weil es der
Landesbund für Vogelschutz mit den Angelfischern nicht verderben wollte,
und weil man ja auch andere gemeinsame Projekte starten wollte hat er
seine Vogelkästen wieder abbauen müssen. Gerade hatte sich der erste
Erfolg eingestellt, denn auf dem rund 200 km langen Isar-Lauf vom Oberland
bis München, waren wieder 25 Gänsesägerfamilien heimisch geworden, jede
im eigenen Revier streng territorial voneinander getrennt. |
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Nistkobel
in hohlen Stammstücken haben natürlich
auch ihre Nachteile, denn immer schon hat der Baummarder sich dort
seinen Tribut geholt, und damit hat er als natürlicher Begrenzer des Gäsesägerbestandes
seine Rolle gespielt. Der Waldkauz ist gelegentlich als Wohnungskonkurrent
aufgetreten und die Schellente auch. So war die von den Fischern aus ganz
anderen Gründen erzwungene Umstellung von der Nisthilfe Vogelkasten auf
Naturbruten sicher von Vorteil. Denn die Gänsesägerweibchen mussten sich
jetzt selber etwas einfallen lassen, um bis Mitte März ihre Wohnung zu
finden. Das ist meist eine kleine Höhle in der Uferwand, in einem
Felsband weitab vom Wasser oder eine Ausspülung im Wurzelgewirr der
Schwarzerlen am Wasserrand. Hier und in den angetriebenen Baumstümpfen
ist natürlich die Gefahr groß, dass Hochwasser die Brut zerstören kann,
noch ehe sie schlüpfen. Mehrfach hat auch ein Gänsesägerweibchen im
Kirchturm des Klosters Schäftlarn gebrütet. Andreas Schulz hat es in
seinem Fernsehfilm gezeigt, wie sie herabspringen. Alle Jungen haben den
Fall aus 30 m Höhe gut überstanden und sind der Mama den Kilometer
weiten Weg zum Fluss gefolgt. |
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Seit
nun die Bejagung weggefallen ist, sind die Gänsesäger wieder sehr
vertraut geworden. Damit können sie heute Biotope besiedeln, die ihnen
als scheue Vögel verschlossen geblieben sind, weil sie furchtsam nach dem
Jäger schauen mussten und vorsichtshalber lieber jedem Menschen aus dem
Weg gegangen sind. Am Walchensee schwimmen die Säger heute mit ihren
Jungen zwischen den Badegästen umher. Am Stausee in Bad Tölz nehmen sie
den Enten im Winter ganze Brotscheiben weg und im Schlosspark Nymphenburg
sind sie ständige Wintergäste, bestaunt von Tausenden von Menschen.
Beobachtet man eine Sägerfamilie mit Jungen bei der Futtersuche, ist man
überrascht, dass sie nach einer Strategie vorgehen. Wie bei einer
Treibjagd reihen sie sich auf, um stromauf schwimmend die Fischschwärme
vor sich herzutreiben und ihnen dann im gischtend rauhen Wasser
nachzujagen. Hat ein Vogel Erfolg, ist es mit Eintracht und Familiensinn
rasch vorbei. Alle rasen dem erfolgreichen Vogel hinterher, um ihm die
Beute abzujagen. Gänsesäger, die gegenüber dem Menschen auf Distanz
achten, sind meist Wintergäste, und deutlich scheuer als die hier brütenden
vertrauten Vögel. |
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Weil
unsere Brutvögel im Winterurlaub zuweilen ihren Partner finden und ihn
mitbringen, kann es vorkommen, dass einer der Vögel vertraut, sein
Partner aber höllisch scheu ist. Mit der Beringung hat man
herausgefunden, dass Bayerische Gänsesäger sich bis nach Nordeuropa
verheiratet haben und umgekehrt. Auf den Staustufen unserer Flüsse überwintern
einige sogar Mitten in der Stadt Bad Tölz. Hier kann der aufmerksame
Besucher die Balz im Vorfrühling beobachten.
wenn das Weibchen den Kopf in den Nacken und ihn schüttelnd wieder
vorschleudert. |
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Fasst
man heute die Brutvorkommen in ganz Deutschland zusammen, so zeigt die
Landkarte überall gähnende Leere. Der Gänsesäger ist immer noch einer
unserer seltensten Vögel und eine hochgradig gefährdete Wildtierart. Man
sieht es den durchziehenden Wintergästen an, dass auf sie längs ihres
Zugweges oft illegal vielerorts noch geschossen wird. Darum sind sie so
scheu, obwohl weder die Vögel in der Wildnis, noch unsere Brutvögel
scheu sind. Man hatte sie bei uns auch lange Zeit als Fische essende Schädlinge
bekämpft, dabei gibt es bis jetzt gerade wieder etwa 200 Brutpaare in
ganz Bayern. Die Störung durch Angler haben Gänsesäger verhältnismäßig
gut verkraftet, denn wenn die zum Maibeginn anfischen, ist die Brutzeit
meist schon zu Ende, und sonst lassen sich Gänsesägermütter und ihre
Jungen von dem Menschen in der Wathose kaum beeindrucken. Sie versuchen
zuweilen sogar, dem Angler den Fisch von der Angel zu fangen, und da kann
es hinterher dann schon
vorkommen, dass man die Vögel von Schnüren und Angelhaken befreien Muss,
weil sie angebissen haben. |
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Der
Einfluss auf die Beute der Angelfischer ist völlig bedeutungslos. Die
Mehrheit beginnt, auch Wasservögel als einen Teil ihres Naturerlebnisses
am Wasser zu sehen. Aber trotz der Vollschonung gibt es noch immer
unbelehrbare Schützen, die man nicht Jäger nennen kann, weil ein
richtiger Jäger prinzipiell keine gefährdete Art bejagt. Wer einen Vogel
der Roten Liste schießt, dem muss man auf Lebenszeit den Jagdschein
entziehen, weil eine Minderheit dem Ansehen aller schadet. Das gilt auch für
Fischer, die Fischen damit "helfen" wollen, dass sie auf Gänsesäger
schießen, Eier oder Bruthöhlen zerstören. Da liegt es an den Fischern,
dafür zu sorgen, dass auch denen auf Lebenszeit die Angellizenz genommen
wird. Der Auwald hat viele Augen. |