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Hier
spiegelt das Wasser rotbuntes und emsig zappelndes Gezitter der Espen. Vor
sich hin rotten die Stämme der vom Splintkäfer dürr gewordenen Ulmen
und behäbigen dickköpfige Weiden, Pfaffenhütchen, Hartriegel und Weißdorn.
Auen sind wahre Vogelparadiese für Eisvögel, die anderen vielfältigen
Vogelarten und das übrige Tierleben, in allen Etagen der Stämme. Der Fluss
erzählt von einem kleinen Felsental im Oberlauf und murmelt etwas von dem
Moor das er tiefschwarz durchfließt. Auen sind außerdem
Trittsteinbiotope beim Vogelzug. Am
Rand im Schlehbusch säugt der Hase seine Babys, in der hohlen Weide der
Iltis die seinen. Reineke ist allgegenwärtig und immer auf Graugansnester
aus. Mauswiesel schlüpfen durch Mäusebaue, derweil Vetter Hermelin ein
Stockwerk höher im Astgewirr klettert. Überall piept und wispert es im
Frühling. Doch nicht nur Weidenmeisen, Haubenmeise und Zaunkönig haben
dort ihre Kinderwiege versteckt. Hier hat auch die Schwanzmeise ihr
Beutelnest im Astgewirr aufgehängt. Hier inmitten dieser guten Stube ist am Flussufer eine Lehmsteilwand abgerutscht. Noch haben die Wasserbauer das nicht repariert, denn hier ist die gute Stube der Natur, die keiner richtig kennt und die niemand ahnt. Versteckt und ungesehen wohnt darin der Herrlichste von allen, der fliegende Prinz unser Eisvogel (Alcedo atthis). Imponierender als alle unsere Vogelarten prahlt er mit seiner funkelnden Gefiederpracht. Doch die versteckt er an der heimlichen Lehmwand in der Flussbiegung. Als sicherstes Rezept gegen seine großen Winterverluste ist ihm nur üppige Vermehrung eingefallen: bis zu dreimal im Jahr zu brüten und jedes mal um die 8 Junge aufzuziehen. Das ist Schwerarbeit, und so will er in der Nähe seiner Wohnung einfach nur in Ruhe gelassen werden. Hier im stillen Winkel hat er in die Lehmwand eine meterlange Bruthöhle gegraben, zwei Zoll im Durchmesser. Am Ende erweitert sich der Tunnel zu einem Kessel, der Wohnstube. Dort hat dann das Weibchen seine fünf bis acht auffallend großen kugelrunden Eier gelegt. Weiß wie Porzellan sind sie und so durchscheinend, dass man den Dotter durch die Schale sieht. Sobald die jungen Eisvögel schlüpfen, sind sie seltsame nackige Wesen, denen ihre spätere Schönheit nicht anzusehen ist. Sie haben mächtig dicke Köpfe und sie ferkeln mit Kot ihre ganze Kinderstube derart übel voll, dass die Eltern nach dem Füttern immer erst ein Vollbad im Fluss nehmen müssen. Darum wohl sprießen die Federn der Kinder erst sehr spät. Doch wenn sie erst flügge ihre Höhle verlassen, prangen sie im fast gleichen prächtigen Federkleid wie die Alten. Wer diesen Zeitpunkt einmal erlebt hat und durch Zufall in die stille Auwaldbucht gekommen ist, der wird niemals vergessen, wenn neben den Alten noch weitere fünf bis acht der farbenprächtigen Vögel durcheinander flirren, dass es am Fluss nur so leuchtet, funkelt und blitzt, dass es schimmert und glänzt wie edles Geschmeide. Das ist ein Gewirr von scharlachroten Bäuchen, Weiß, Blau und Grün. Sie schreien dabei in einer Folge schriller heller scharfer Töne. Fortwährend spritzt und plumpst es im Wasser. Sie tragen das tropische Feuer in den heimischen Auwald. Wenn ich ein wenig träume, dann ist es ein jähes Erwachen, dass da nicht Palmen wachsen. Doch Lianen gleich umschlingt alles der Hopfen. Der Eisvogel hat die Farben im Sonnenlicht erst zum Funkeln erweckt. Da sitzen die kleinen Eisvögel, kaum größer als ein Spatz, überall auf den Weidenzweigen oder mitten im Fluss auf dürren Gezweig im Treibholz. Ganz ruhig hocken sie. Bei jeder Bewegung ihres großen Kopfes aber leuchtet das Gefieder in der Sonne. Eine Lust ist es sie mit dem Fernglas zu bewundern. So entdecke ich eine silberweiße Kehle über dem scharlachroten Bauch. Lasurblau und smaragdgrün gesprenkelt ist der Rücken mit dem hellblauen Aalstrich, und die hellblauen Schwingen sind grün gezeichnet. Der dicke Kopf ist dunkelgrünblau, von schwarzen Bändern überzogen und zierlich weiß getupft. Hinter dem leuchtend rostroten Wangenfleck folgt ein strahlend weißer, und auch vor dem tief dunklen Auge sitzen noch je ein spitzer rostroter und ein schwarzer Tupfen. Die Füße sind korallenrot, und der sonst so dunkle lange Schnabel zeigt an der Basis einen leicht rötlichen Anflug. Je nachdem wie die Sonne auftrifft, leuchtet das Gefieder anders, ganz wie bei schillernden Schmetterlingen in der Art geschliffener Brillanten. Doch ist der Eisvogel kein Kolibri, sondern eine urdeutsche Vogelart unserer Heimat. Bei uns hat er auch keine Verwandten, wohl aber 75 Arten rundum in der Welt. An Gestalt sehen all diese Fischer sich ähnlich. Wäre bei unserem die bunte Farbe nicht, dann wäre so ein Eisvogel nicht schön, sondern plump. Das übersehen wir gerne bei dem prunkenden Gefieder. Um
die Jahrhundertwende hat man Eisvögel noch geschossen, denn es war eine
dumme Sitte ihn ausgestopft auf Damenhüten zu tragen. Die Fischer aber
haben Tellereisen auf Pfähle gesetzt und den Kollegen Fischesser
vernichtet. Das alles hat ihn an den Rand des Aussterbens gebracht, bis er
unter Naturschutz gestellt wurde. Heute droht ihm von Menschen keine
Gefahr mehr. Fischarten, die er fängt will der Mensch nicht, und auch den
Fischern ist bekannt, dass eine einzige große Forelle von der eigenen
Fischbrut mehr frisst als noch so viele Eisvögel. Das
hat die Hoffnung geweckt, dass man sie an diesen Flüssen wieder ansiedeln
kann. Da aber die natürlich entstandenen Prallwände hier fehlen, hat der
Landesbund für Vogelschutz mit viel Mühe und Arbeit künstliche Brutwände
errichtet. Doch so einfach ist das leider doch nicht, denn fast alle diese
Wände wurden bis jetzt nicht von Eisvögeln angenommen. Einer der Gründe
ist sicher, dass an diesen Brutplätzen die Stille fehlt, die er an seiner
Kinderstube so sehr schätzt. Wir wissen auch von der Isar, dass er immer
wieder an Brutplätzen vergrämt wird, weil Wanderer und Bootfahrer oder
Angler diese Ruhe stören, ohne dass sie die Vögel selbst bemerken. Immer wieder schnurrt der Eisvogel in blitzschnellem Flug mit schrillem Pfiff an der Warte vorbei. Er folgt jeder Windung des Flusses und den sich gabelnden Wasserarmen im Delta. Gegenüber hat das Hochwasser einen Riesenberg Baumstämme und Holz zusammengetragen. Dort suchen pickend und flatternd Bachstelzen nach Futter. Wippend trippelt auch ein Flussuferläufer auf dem Holz und pickt unentwegt für mich Unsichtbares. Aus der Tiefe der Fluten taucht ein Zwergtaucher im Winterkleid auf und treibt dann im Fluss vorbei. Er taucht anhaltend, oft und ist unersättlich. Hinter den Büschen rufen die Wildgänse und Kormorane, sie unterhalten sich lautstark und fordernd. Viele Brachvögel flöten melodisch. Ganz so, als hätten sie sich viel über ihre Reise zu erzählen. Heute stehen 36 Große Brachvögel draußen im Watt, vor drei Tagen waren es noch 70. Meist schlafen sie im Schlickwatt, umgeben von Wasser, aus Angst vor dem Fuchs. Auf einer Kiesbank putzt sich eine Rostgans, die wohl aus Nordgriechenland zu uns gekommen ist. Ich sinniere gerade wie schön es wäre, wenn sich auf dem Ast, den vor mir ein angeschwemmter Baumstamm in den Himmel ragen lässt, ein Eisvogel sitzen würde. Kaum
habe ich den Wunsch gedacht, da sind die Wassergeister mir schon hold. Plötzlich
sitzt gerade 5 m vor mir ein Eisvogel auf dem Ast. Viel zu nah für die
Einstellung des großen 1:4/600 mm Objektivs, so dass ich erst einen
Zwischenring einsetzen muss. Mein Puls geht rasend. "Bitte, bitte,
fliegt nicht weg", bete ich zum Sankt Hubertus, denn die
Tierfotografen haben noch keinen eigenen Heiligen. Immerhin hilft es. Der
Eisvogel bleibt sitzen, wendet sich hier- und dorthin, späht in das
Wasser und ignoriert mich völlig. So komme ich zu meiner ersten Bildserie
und kann mich zwischendurch an dem Vogel satt sehen, der zum Greifen nahe
vor mir sitzt. Es
ist schon eine faszinierende Leistung sich wieder und wieder in die Flut
zu stürzen und mit den Flügeln rudernd nach Futter zu tauchen. Wie ein
silbriger Pfeil folgt er den Fischchen und taucht dabei gegen die Strömung.
Er erreicht dabei Geschwindigkeiten bis zu 20 km/h. Steil stürzt er sich
in das Nass und steil erhebt er sich auch aus dem Wasser, um sich auf eine
der Warten zu setzen. Auf
einmal sitzt er wieder vor mir auf der Warte, und es ist nicht einer
sondern es sind zwei Eisvögel zur gleichen Zeit. Schade, dass sie nicht näher
beisammen sitzen, weil nicht beide zugleich auf ein Bild kommen. So
fotografiere ich erst den Einen, dann den Anderen. Wer das Weibchen und
wer von beiden das Männchen ist? Beide sehen völlig gleich aus. Sie
verschwinden auch so gleichzeitig wie sie gekommen sind, sobald sie mit
einem Fehlstoß die Fische in der Gumpe vor mir erschreckt haben. Natürlich
jagt ein Eisvogel immer dort, wo es neben Fischchen eine Unmenge von Gewürm
und Larven aller Arten gibt. Ob er nun die Moderlieschen, Schmerlen,
Ellritzenbrut, Groppen, winzige Äschenkinder oder Forellen fängt, das
ist ihm egal. Und gemessen am Gesamtbestand ist das ebenfalls
bedeutungslos, weil ein eventueller Schaden nicht einmal messbar wäre.
Denn ein Eisvogelpaar hat ein riesiges Einzugsgebiet, in das er keine
Artgenossen als Konkurrenz hinein lässt.
Um richtig satt zu werden, braucht er am Tag ganze 30 Gramm Fisch.
Den klopft er vor dem Verzehr mit kräftigem Aufschlagen erst einmal tot,
bevor er ihn hinunterschlingt. Im Schnabel rückt er ihn zurecht, und
dann: ein Schluck nur und fort ist die winzige Beute. Wollte man, wie
einst zur Zeit der Großeltern, von Schaden reden, es wäre lächerlich. Wolfgang Alexander Bajohr |